Lesegottesdienst Karfreitag, 2.4. 2021

Verbunden durch Liebe und Internet/ Karfreitag, 2.4. 2021,

Pfarrerin Anette Prinz ,
Musik: Susanne Weingart-Fink, Sänger:innen des Bonhoeffer-Singkreis

 

GOTT sei mit dir: als Quelle der Liebe; als Gnade, die Mensch wird; als Kraft, die Leben schafft.

EG 547
1 Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
2 Menschen gehen zu Gott in seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn
verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in seinen Leiden.
3 Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden.

Im Namen Karfreitag steckt das altes Wort Kara für Klage und Trauer. Wir denken an Jesu Leiden und Tod. Ihm ist an diesem Tag größtes Unrecht geschehen. Und dennoch ist die Geschichte von Liebe durchtränkt. Im Wort des Tages heißt es: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Psalm 22
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. Meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Gebet Jesus Christus, dein Kreuz ist Zeichen der Not, Zeichen des Unrechts, Zeichen der Vernichtung. Und doch ist es nicht das Ende deines Weges. Es wird mir zum Zeichen der Hoffnung, weil es mich an die große Liebe erinnert, die du für mich hast. Du hast alles gegeben für mich. Dafür danke ich dir.

 Lesung:  
Der den Wein austeilt, muss Essig trinken
der die Hand nicht hebt zur Abwehr, wird geschlagen.
Der den Verlassenen sucht wird verlassen,
der nicht schreien macht, schreit am Kreuz überlaut.
Der die Wunden heilt, wird durchbohrt,
der den Wurm rettet, wird zertreten.
Der nicht verfolgt, nicht verrät, wird ausgeliefert,
der nicht schuld ist, der Unschuldige wird gequält.Der lebendig macht, wird geschlachtet,
der die Henker begnadet, stirbt gnadenlos.
Rudolf Otto Wiemer

EG 84
1. O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod.
Der große Fürst der Ehren lässt willig sich beschweren mit Schlägen, Hohn und großem Spott.

2. Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht’?
Du bist ja nicht ein Sünder wie wir und unsre Kinder, von Übeltaten weißt du nicht.

5. Du nimmst auf deinen Rücken die Lasten, die mich drücken viel schwerer als ein Stein;
du wirst ein Fluch, dagegen verehrst du mir den Segen; dein Schmerzen muss mein Labsal sein

Predigttext: Von einem Knecht Gottes, der unschuldig leidet für die anderen, schreibt schon 600 Jahre vor Jesu Tod der Prophet Jesaja

Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten, -so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder,- so wird er viele Völker in Staunen versetzen … Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?... Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das
Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts
geachtet.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; … Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
Der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.“
(Jesaja 52,13-53,11, gekürzt

Herzliebster Jesu (Orgelbearbeitung von Johannes Brahms) 

Karfreitag ist der dunkelste Tag im Kirchenjahr. Der Tag, an dem wir in besonderer Weise unser Augenmerk auf das Leiden richten. Auf das Leiden und Sterben Jesu Christi, auf das Leiden im eigenen Leben und auf das große Leiden von Vielen in der Welt.
Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Nicht jedes Leiden hat einen Sinn.
Aber ich glaube, dass es möglich ist, durch den Blick auf das Kreuz Jesu zu erleben, dass Christus unser Leiden teilt und zu spüren: Er ist mir tief verbunden gerade dort, wo mein eigener Schmerz groß ist. Das tröstet und vermittelt nicht gleich neue Hoffnung, aber das wertvolle Gefühl: Ich bin nicht allein gelassen in meinem Schmerz.
Und das ist der Anfang von neuer Hoffnung.

Das leidvolle Sterben Christi, auf das wir heute schauen, entzieht sich dem vollkommenen Verstehen. Es bleibt ein Stück weit Geheimnis. Jesu Tod am Kreuz war für seine Anhänger bitterste Erfahrung und schwer zu verstehen. Nach seiner Auferstehung rangen sie darum, all diese Geschehnisse zu verkraften.
Warum war Jesus so entwürdigt worden? Wozu der Spott, die Gewalt, die Schmerzen? Was konnten sie dieser Schmach entgegensetzen? In den Gottesknechtstexten des Propheten Jesaja fanden sie hilfreiche Einsichten. Wie in einem Spiegel erkannten die frühen Christen in diesen Worten das Schicksal Jesu wieder.
So kommt es, dass in den Evangelien das Leben Jesu im Anklang an die Gottesknechtstexte erzählt wird.

Das Wunderbare an diesem geheimnisvollen Text, absolut tröstlich und oft übersehen, ist sein Anfang.
Am Anfang spricht Gott selber. „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten, so wird er viele Völker in Staunen versetzen“.
Dass dieser Knecht unbeschreibliche Leiden durchlebt und die Menschen sich voller Abscheu von ihm abwenden, sagt nichts aus über das Wunderbare, das er bewirkt und sagt nichts aus über sein Ende, das alles, aber kein Ende ist.

Dann redet im Text eine Gruppe von Menschen, die nicht glauben kann, was ihr verkündigt wird. Sie schildern, was sie wahrnehmen. Keine Gestalt hatte er, nichts Erhabenes, nichts, dass sie gerne angeschaut hätten.
Verachtet war er, gezeichnet, unansehnlich. Sie erkennen nichts menschliches mehr an ihm.
„Wir hielten ihn für nichts“.
Aber dann schildern sie die plötzliche Erkenntnis, die sie später gewonnen haben, im Rückblick auf die Ereignisse: Er hat unsere Krankheiten getragen! Er hat unsere Schmerzen auf sich geladen! Wir hielten ihn für einen, den Gott geschlagen hatte – aber das stimmt nicht! Wegen unserer Vergehen wurde er verwundet. Er hat unser Schicksal auf sich genommen, damit es uns gut geht, damit wir Frieden finden.
Und dann sprechen sie davon, wie der Gottesknecht sich beugte wie ein Lamm, dass er seinen Mund nicht auftat, sich nicht wehrte. Dass er schließlich schändlich begraben wurde bei den Übeltätern.
Sie enden mit der unvermuteten Einsicht, dass Gott an diesem Menschen Gefallen hatte; dass er gefallen hate an dem, der von Krankheit geschlagen war, an dem, der sein Leben zur Tilgung der Schuld der anderen einsetzte. Auch das gehört zu ihrer Einsicht: dass diesem Knecht gelingt, was Gott gefällt.
Und sie erkennen noch mehr: Er wird Nachkommen haben und leben!

Am Ende dann ist wieder Gottes Stimme zu hören, der über seinen Knecht sagt: Er wird die Vielen gerecht machen, denn ihre Verschuldung lud er auf sich und er trat ein für die Übeltäter.

Was also tut der Gottesknecht? Aktiv übernimmt er einen Weg, den andere hätten gehen sollen. Willentlich übernimmt er ein Schicksal, das andere hätten erleiden sollen. Er tritt für sie ein. Er übernimmt Verantwortung für ihre Taten. Er trägt die Konsequenzen – damit sie verschont bleiben
Er ist Knecht. Aber er ist kein Opfer, das Gott verlangt. Freiwillig übernimmt er für andere Haftung und Verantwortung, um Böses von ihnen abzuwenden. Diese anderen erkennen das schließlich voller Ergriffenheit. „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe!“ Welch ein großes Geschenk ist es, dass der Gottesknecht für uns einsteht und uns geholfen hat, dass er unser Leiden übernommen, unsere Verantwortung getragen hat.

Jener Knecht war dazu bereit, an die Stelle der anderen zu treten. Das ist seine unglaubliche Größe.
Es ist Jesu Größe. Und erinnert an das Wort Jesu im Johannesevangelium: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für die Freunde.“  (15,13)
Davon leben wir. Mehr als von vielen anderen Gütern leben wir davon, dass jemand, wenn es darauf ankommt, zu uns hält. Dass jemand konkret hilft. Wo haben wir das schon erlebt? Haben wir Menschen vor Augen, denen wir viel verdanken?

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die für ihre Mitmenschen voll und ganz eingestanden sind. Voller Respekt sei hier erinnert an die, die tatsächlich ihr Leben gegeben haben wie Martin Luther King, Janusz Korczak, Maximilian Kolbe, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl und viele andere.
Und ich will dich an die vielen „kleinen Leute“ erinnern, die nicht berühmt werden und die doch auf ihre Weise ihr Leben geben. Vielleicht gehörst du ja auch zu ihnen. Denke an die Menschen, die in diesen Zeiten in der Vollpflege arbeiten und die aufgrund der Personalausfällen bis zum Anschlag im Einsatz sind. Oder an den Mann, der keine Mühe scheut, seine todkranke Frau zuhause zu pflegen bis sie stirbt; die Tochter, die ihre hochbetagte Mutter versorgt und seit Jahren auf viele eigene Bedürfnisse in ihrer Lebensgestaltung verzichtet; den Bruder, der seinem arbeitslos gewordenen Bruder einfach mal eine größere Rechnung bezahlt ohne Rückforderung; die jungen Freiwilligen, die jedes Jahr in die armen Länder der Erde reisen, um mit den Menschen dort ihr Leben zu teilen und sich einzusetzen. Genauso die, die hier in unserem Land ein soziales Jahr leisten.

Davon lebt unsere Familie, unsere Gesellschaft, unsere weltweite Gemeinschaft, dass Menschen selbstlos füreinander einstehen, dass sie Verantwortung füreinander übernehmen, dass sie Lasten der anderen tragen. Wenn Menschen so etwas tun, gefällt das Gott. Wer so handelt, setzt sich voll und ganz für die Sache Gottes ein.
Und wenn er noch so von anderen verachtet und ausgelacht wird. Er ist ein Mensch Gottes. Er ist einer, der wirklich lebt, weil er voller Liebe zu seinem Nächsten handelt. Weil er -in tiefer Verbundenheit mit anderen- diesen anderen Leben ermöglicht hat. Gott steht zu ihm. Gott anerkennt ihn. Gott rehabilitiert ihn.
„Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben “.
So klingt es auf in dem alten Prophetentext. So können wir auch Jesus sehen. Er hatte eingewilligt in diesen Weg.
Er war ein leidender Gerechter, der dieses Leid für andere auf sich genommen hat – im tiefsten Gottvertrauen und in der Erwartung, dass er zur Rechten Gottes sitzen würde und von dort wieder kommen würde, um Gerechtigkeit herzustellen.

Worunter du oder mit wem auch immer du leidest – du kannst den Blick des Gekreuzigten suchen und seine ausgebreiteten Arme sehen, die dir sagen: Ich sehe dich. Ich leide mit dir und für dich. Ich kenne deinen Schmerz und ich bin dir verbunden. Du bist in meiner Liebe und Gott wird am Ende alles gut machen.
Und wenn du willst und kannst, dann lass auch du dich in Dienst nehmen von Gott und setze dich für andere ein ohne Furcht. Denn du hast Anteil an meinem Weg und auch dein Leben ist in Gott geborgen.

NL 164
1 In einer fernen Zeit gehst du nach Golgatha, erduldest Einsamkeit, sagst selbst zum Sterben ja.
2 Du weißt, was Leiden ist. Du weißt, was Schmerzen sind, der du mein Bruder bist, ein Mensch
und Gottes Kind.
3 Verlassen ganz und gar von Menschen und von Gott, bringst du dein Leben dar und stirbst
den Kreuzestod.
4 Stirbst draußen vor dem Tor, stirbst mitten in der Welt. Im Leiden lebst du vor, was wirklich
trägt und hält.
5 Erstehe neu in mir. Erstehe jeden Tag. Erhalte mich bei dir, was immer kommen mag.
Amen, Amen, Amen.

Gebet: Jesus Christus, ich bitte dich für alle Menschen, die Leid ertragen müssen. Für die, die wissen, dass sie Sterben müssen und ihre Angehörigen; für die, die in der Pandemie ihre sozialen Kontakte oder ihre Existenzen verloren haben; für die Frauen und Kinder, die der Gewalt von Männern und Vätern ausgeliefert sind; für die Flüchtlinge, die Krieg und Not und Repressalien aus ihrer Heimat vertrieben haben und die verzweifelt versuchen, Sicherheit in einem anderen Land zu finden. Lass niemanden in seinem Leid allein.
Ich danke dir für alle Menschen, die in diesen Zeiten für andere da sind. Für die Selbstlosen, die pflegen, testen, hinhören und beraten. Für die Feuerwehrleute, die in Einsätzen ihr Leben für andere riskieren. Für alle, die anderen helfen, ohne zu fragen: Was bekomme ich dafür? Gott weist mir durch dich Wege aus dem Leid.
Hilf mir, sie zu sehen, ihnen zu vertrauen und sie zu gehen. Mit deinen Worten bete ich: Vater unser

EG 93
1 Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha, der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah, das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld, das Geheimnis neuen Lichtes
aus des Vaters ewger Huld.

2 Nun in heilgem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha. Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder,
das geschah, als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering, als für Sünder der Gerechte
in des Todes Rachen ging.

Segen: Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse es leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott schaue liebend auf dich und schenke dir und aller Welt seinen Frieden.