Leseandacht

Leseandacht, 2.Sonntag nach Epiphanias
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

 

Der Sonntag und die kommende Woche stehen unter dem Wort aus dem Johannesevangelium:

Von Christi Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh 1,16):

Gebet Herr unser Gott , ich danken dir für diesen Tag meines Lebens. Du lässt mich aufatmen von meinen Sorgen. Du weckst in mir nach bedrückender Zeit wieder ein Lachen. Du nimmst mir meine Ängstlichkeit durch deinen Zuspruch. Auf dich richtet sich mein Vertrauen und meine Hoffnung. Mach mich gewiss: Aus der Fülle deiner Liebe darf ich leben.

EG 74, Du Morgenstern, du Licht vom Licht 

Auf seinem 40-jährigen Zug durch die Wüste erlebt das Volk Israel immer wieder schwierige Zeiten und Rückschläge. Gotteszweifel nisten sich ein. In einem dieser Momente bricht Mose kurzerhand ins Gebirge auf, um sich ganz persönlich zu vergewissern, ob Gott noch da ist. Was ihm dort widerfährt steht im 2. Mosebuch.

 

Bibeltext Mose bat den HERRN: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Da sagte Gott: Ich will all meine Güte an dir vorüberziehen lassen und den Namen des HERRN vor dir ausrufen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und mit wem ich Erbarmen habe, dem erbarme ich mich. Weiter sagte Gott: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Und der Herr fügte hinzu: Aber sieh, da ist ein Platz in meiner Nähe. Stell dich da auf den Felsen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in den Felsspalt stellen. Solange ich vorüberziehe, werde ich meine Hand über dich halten. Danach werde ich meine Hand wegziehen und du kannst hinter mir hersehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2.Mose 33,18ff)

 

EG 379 Gott wohnt in einem Lichte   

 

Leo Tolstoi hat eine kleine Geschichte über eine der religiösen Sehnsüchte von uns Menschen geschrieben. Sie handelt „Vom König, der Gott sehen wollte“. Tolstoi erzählt darin, dass dieser Wunsch, Gott zu sehen, den König so drängte, dass er am Ende sogar seinen Priestern und Weisen schwerste Strafen androhte, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, ihm Gott zu zeigen. Da kam ein einfacher Hirte an den Hof, führte den König ins Freie, zeigte auf die Sonne und sagte zum ihm: „Schau hinein“. Nach seinem Versuch in die Sonne zu schauen, schloss der König die Augen und rief: “Willst du, dass ich erblinde?“ Da sagte der Hirte zu ihm: „Aber König. Die Sonne ist doch nur ein Ding der Schöpfung. Ein schwacher Abglanz der Größe Gottes, ein kleines Fünkchen seines flammenden Feuers. Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott sehen? Suche ihn mit anderen Augen.“

Auch der große Prophet Mose hatte diesen Wunsch, Gott einmal sehen zu dürfen. Davon erzählt der heutige Predigttext, den wir eben gehört haben. Er kannte ja nur Gottes Stimme. Konnte nur dessen Worte weiter geben an sein Volk. Vielleicht hat die Unzufriedenheit der Israeliten, diesen Wunsch, Gott zu sehen, in ihm übermächtig werden lassen.
Unzufrieden war Volk Israel damit, nur einen unsichtbaren, nicht greifbaren Gott zu haben; einen, den sie nur dem Namen nach kannten Sie wollten etwas Handfestes, etwas Vertrautes, Berechenbares. Vor allem etwas dauerhaft Sichtbares. Und sie machten sich ein goldenes Kalb; ein vertrautes Götterbild der damaligen Zeit. Mose ist darüber entsetzt. Zerschmettert die Gebots-tafeln, die er vom Berg Horeb heruntergebracht hat.

Jetzt steht er von neuem auf diesem Berg. Sucht wieder das Gespräch mit Gott, bittet ihn, seinem Volk nahe zu bleiben auf ihrem Weg ins gelobte
Land. Hört Gottes Stimme, die den Auftrag an ihn erneuert, das Volk Israel durch die Wüste zu führen.
Mose steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er weiß um den Widerstand seines Volkes gegen dieses unsichere Unternehmen. Jetzt muss er den
Sturköpfen die Meinung geigen und sie wieder auf den richtigen Weg bringen. Es mag ihn auch die Last drücken allein verantwortlich zu sein. In Mose, -stell ich mir vor- brennt der Wunsch nach Gewissheit und so bricht es
aus ihm heraus: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“!
Wer möchte das nicht manchmal -so wie der Mose: Gott wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Um ganz sicher zu werden, dass
er wirklich da ist; Dass er die Welt im Griff hat, denn die kommt uns oft genug gottverlassen vor. Die Grausamkeiten. Die Kriege. Die gefährdete
Schöpfung. Die Unvernunft der Menschen. Hat Gott das noch im Griff? Und kennst du das nicht auch so ganz im Persönlichen? Vor einer großen Herausforderung vielleicht, vor einer schweren Entscheidung, in einer
schwierigen Lebenssituationen. Den Wusch nach Vergewisserung, dass Gott auch 100% hinter mir steht. Mich nicht im Regen stehen lässt, mich
meinen Weg nicht alleine ziehen lässt. So wie Mose eben, Gott sehen wollte, weil er eine Vergewisserung brauchte. „Lass mich dich doch einmal
sehen“. Dann könnte ich wieder ganz anders auftreten, ganz anders glauben, die Aufgaben, vor die ich gestellt bin, viel sicherer anpacken. Wieviel leichter könnten wir an Gott glauben, wenn er uns ein verlässliches Zeichen seiner Existenz gäbe. Die Zumutung für Mose wie für uns liegt
darin, glauben zu müssen ohne sehen zu können. Oder anders gesagt: Gott zu vertrauen , ohne ihn ganz zu kennen und zu begreifen Paulus hat
dafür einmal die Worte gefunden: Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. (2.Kor.5,7) Wissen contra Vertrauen - Ich spring mit meinen Gedanken in das Leben eines Paares.

Um vier Uhr morgens vibriert das Smartphone auf dem Nachttisch. Mehrmals hintereinander. Er wacht davon. Das Telefon, dass ihn geweckt hat gehört seiner Freundin die neben ihm ruhig weiterschläft. Er kann nicht mehr schlafen. Am liebsten möchte er sie umarmen die Frau neben ihm, in die er unsterblich verliebt ist. Aber er kann es jetzt nicht. Das Kopfkino hat soeben seine Pforten geöffnet, und der Film, der da läuft, ist sein persönlicher Klassiker. Der Film trägt den Titel: Ich werde betrogen. Ein Leben mit dieser Frau sollte seine Zukunft sein! Die steht nun auf dem Spiel. Er weiß sofort, dass er überreagiert. Aber seine Angst ist eben größer als das, was er eigentlich weiß. Alles steht plötzlich in Frage. Alles steht so lange in Frage, bis sie ihm sagen wird, wer ihr um diese Uhrzeit Nachrichten schickt. Wenn sie ihm die zeigen würde, wäre alles gut. Dann hätte er den Beweis. Dann wäre er in Sicherheit und ihre Liebe auch.
Aber ist sie dann wirklich in Sicherheit, ihre Liebe? Wenn er seiner Freundin sagt, dass er die Nachricht sehen muss, dann sagt er ihr ja zugleich, dass er ihr nicht vertraut. Und sie wollten einander doch vertrauen. Wollten darauf ihre Beziehung bauen. Vielleicht nimmt ihre Liebe Schaden daran, dass er ihr nicht vertraut?
Gewissheit gegen Vertrauen. Ob er in dieser Nacht noch eine Antwort findet.

Gott erinnert mit seiner Antwort daran, dass alles menschliche „wissen wollen“ ihre Grenzen erfährt. „Mein Angesicht darfst du nicht sehen“, sagt er zu Mose und fügt den rätselhaften Satz hinzu denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. „Bleibt Gottes Angesicht, den Toten vorbehalten? Oder ist es mit Gott wie mit dem jungen Paar: Wissen contra Vertrauen. Stirbt die Liebe, wenn ich Beweise für sie fordere?

Ich weiß nicht, ob ich über Gottes Antwort enttäuscht sein soll. Wer klug ist, versucht ja auch nicht, direkt in die Sonne zu schauen, um sie zu sehen. Und weiß trotzdem, dass sie scheint.
Vielleicht bin ich im Grunde meines Herzens eher dankbar. Gottes letztes Geheimnis, seine wirkliche Größe bleibt gewahrt. Wir Menschen können mit Geheimnissen doch sehr schlecht umgehen. Am ehesten zerstörerisch in unserem Drang alles wissen und beherrschen zu wollen. Es ist schon gut, dass Gott zu Mose „Nein“ gesagt hat. Denn wir Menschen können mit Geheimnissen nicht sehr gut umgehen.

Lass mich dein Angesicht sehen!“ Für uns Menschen sind Gesichter sehr wichtig.  Der erste Eindruck zählt. 
Das Foto auf der Dating-App oder das, in den eingereichten Bewerbungsunterlagen. 
“Gott musst du mit anderen Augen suchen“, lässt der Hirte den König in Tolstois Erzählung wissen. “Mein Gesicht darfst du nicht sehen“, sagt Gott
zu Mose. „Aber Ich will all meine Güte an dir vorüberziehen lassen“. Gott ist an seiner Güte zu erkennen. Mose ist unsicher als er Gott gegenübertritt. Sein Volk hatte Gott das Vertrauen entzogen und sich dieses goldene Kalb gegossen. Jetzt hat er
Angst, dass Gott nun seinerseits den Israeliten sein Vertrauen entzieht. Dass er seinen Zorn zeigt und sie in der Wüste sitzen lässt. Gott aber
erinnert ihn: „Ich will und den Namen des HERRN vor dir aus-rufen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und mit wem ich
Erbarmen habe, dem erbarme ich mich“.
Gnade ist mein Name, das lässt Gott Mose wissen und dass er dabei nicht abhängig davon ist,
wie wir Menschen uns verhalten. Gnade und Erbarmen Gottes sind nichts, was man sich anschauen kann, sie sind nur erfahrbar. Diese Erfahrung ist aufbewahrt in Geschichten,
die das Volk Israel mit seinem Gott erlebt hat. Sie hat sich verkörpert in Jesus Christus. Und sie bleibt eine erfahrbare Größe auch in unserem
Leben.
Ein Mensch, der von einer schweren Krankheit genesen ist oder der dem Tod auf andere Weise von der Schippe gesprungen ist, kann von dieser
Gnade erzählen. Die Eltern, deren Kind mit einem Loch im Herzen geboren wurde, und die nach schwierigen, angstvollen Jahren und Operationen
heute eine fröhliche unbeschwerte 18-jährige Tochter erleben dürfen. Die Geschwister, die nach einem heftigen Streit sich ausgesprochen haben
und heute wieder zusammen Familienfeste feiern Genauso wie Menschen, die Krieg und Terror in ihrem Land entfliehen konnten und in Gastländern
Aufnahme , Verständnis und Unterstützung gefunden haben.
Gottes Angesicht kann man nicht sehen. Aber die Spur seines gütigen und versöhnenden, heilenden Wesens, die ist da in unserem Leben. Davon
können wir erzählen.

Was das junge Paar angeht: Ich wünsche dem Mann, dass er es darauf ankommen lassen kann. Dass er beim nächsten nächtlichen Vibrieren des Telefons keinen Eintritt mehr für sein Kopfkino zahlt. Ich wünsche ihm, dass er stattdessen den Arm um seine Schöne legt und denken kann: „Meine Liebe, Vertrauen hält uns zusammen, nicht Wissen“.

Noch etwas zweites, rätselhaftes bekommt Mose von Gott zu hören: Mein Angesicht kann man nicht sehen, 
aber „du kannst hinter mir hersehen“. Wörtlich übersetzt: „Du kannst meine Rückseite sehen“.
Aufs erste Lesen wirkt dieser Satz fast herablassend, wenn ich daran denke, dass der, der mir den Rücken zukehrt sprichwörtlich kein Interesse an
mir hat. “Du kannst hinter mir hersehen“. Dieser Satz spricht aber eine wichtige Erfahrung aus: Im Nachschauen ist Gott erkennbar. Wenn ich auf
mein Leben zurückblicke, sehe ich seine Spuren. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, hat der Philosoph Sören Kierkegaard geschrieben. Das gilt für Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis gleichermaßen. Nicht alles klärt sich sofort, nicht alles was uns passiert, können wir gleich einordnen. Manchmal merkt man erst viel später, dass Gott seine Hand
schützend über einen hält -wie er sie über Mose in der Felsspalte gehalten hat. Manchmal geht einem erst im Nachdenken über eine Situation, die man durchlitten hat, ein Licht auf; oder brennt einem das Herz, wie den zwei
Jüngern, die erst im Nachhinein erkannten wer da mit ihnen auf dem Weg war von Jerusalem nach Emmaus.
Eine Frau bekommt ein Kind und fühlt sich Ende 40 viel zu alt dafür. „Ich habe geweint vor Kummer darüber, erzählt sie mir. Und jetzt, wo ich so
alt bin, erfahre ich den Segen, der mir durch diese späte Tochter zuteil wird. Oft genug ist Gott erst im Nachschauen erkennbar, in der Rückschau auf mein Leben, auf das, was war und wie es sich zusammengefügt hat.
“Mein Angesicht kannst du nicht sehen“, sagt Gott zu Mose. Suche Gott mit anderen Augen“, sagt der Hirte zum König. „Schau ihm nach und erkenne Gott in den Spuren, die er gezogen hat“, höre ich die Bibelworte sagen, in seinen Taten, in seinem Sohn
Jesus Christus und die er noch immer zieht, in deinem Leben. ♫ EG 656 Wir haben Gottes Spuren festgestellt Gebet Großer Gott, schon immer hast du Wunder getan, um das Geschick der Bedrückten zu wenden. Aus Enge hast du in die Weite geführt, aus
Klage in neue Lebensfreude, aus Not in die Fülle. Du verwandelst auch mein Leben und machst mich zu einem Menschen, der aufrecht und klar
seinen Weg gehen kann, der der Liebe mehr traut als der Gewalt und die Hoffnung behält, auch da wo alles aussichtslos scheint. Ich danke dir für
alle Bewahrung, die ich erfahren durfte. Vater unser Segen GOTT segne dich und behüte dich. GOTT lasse sein Angesicht leuchten über und sei dir gnädig. GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe
dir Friede.

 

 

 

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