8. Sonntag nach Tr., 2. Aug 2020

Verbunden durch Liebe und Internet / 8. Sonntag nach Tr., 2. Aug 2020,
Pfr. i.R. Ulrich Koring, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

GOTT sei mit dir: als Quelle der Liebe; als Gnade, die Mensch wird; als Kraft, die Leben schafft.

Alle Menschen sind Ausländer – fast überall. Doch Gott bietet allen ein Zuhause:
„Durch Christus seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.“

Die güldne Sonne voll Freud und Wonne, bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder, aber nun steh ich bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht. EG 449

Groß ist der Herr und hoch zu rühmen auf seinem heiligen Berge.
Gott, wir gedenken deiner Güte in deinem Tempel.
Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Enden.
Deine Rechte ist voll Gerechtigkeit.
Erzählt den Nachkommen: er ist unser Gott
für immer und ewig ist er es, der uns führt. Psalm 48

Wandelt als Kinder des Lichtes – die Frucht des Lichtes ist lauter Güte, Zurechtbringen und Verlässlichkeit. Habt nichts zu schaffen mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, deckt sie vielmehr auf. Epheser 5

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.

Tu der Völker Türen auf; deines Himmelreiches Lauf
hemme keine List noch Macht. Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr.

Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut,
und lass reiche Frucht aufgehn, wo sie unter Tränen sä'n. Erbarm dich, Herr.

Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft
tun, was Heil und Segen schafft. Erbarm dich, Herr. EG 262

es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm … Joh 9, 1-9

Eine merkwürdige Geschichte - ihr Ende zeigt: ein Blinder lernt sehen, die Sehenden erweisen sich als blind. Doch zunächst treffen wir die Verhältnisse so an, wie wir sie kennen: diejenigen mit gesunden Augen haben das Sagen, der nicht sehen kann, hat nichts zu sagen. Ein dunkles Dasein fristet dieser Mensch. Er sieht weder das Sonnenlicht noch das Blütenkleid der Erde. Er sieht nicht das Leuchten der Augen im Angesicht anderer Menschen. Er sieht keinen Sinn in seinem Leben.

Gewiss hat er die Liebe seiner Eltern erfahren, die Mutter hat ihn viel länger als seine Geschwister bei sich getragen. Wie alle Kinder es tun, hat er sich seine Umwelt erobert. Aber weit ist er nicht gekommen. Der Vater hat versucht, seine Fingerfertigkeit zu trainieren. Aber reicht das aus, um einem gesichtslosen Leben Sinn zu verleihen? Immer bleibt er angewiesen auf das Mitleid derer, die ihm ein Almosen zuwerfen, wenn er bettelt.

Was kann er aus seinem Leben machen? Hat er Begabungen, die in ihm schlummern? Leben also, das noch niemand in seiner Umgebung gesehen hat? Ach, niemand hat ihm die Aussicht auf ein eigenes, in sich selbst wertvolles Leben geschenkt. Ein Anhängsel ist er, eine Belastung für seine Familie, noch dazu ein Diskussionsgegenstand der Neunmalklugen, die mit ihrer verletzenden Neugier fragen: „Wer hat gesündigt?“Denn darin waren sie sich alle einig: seine Blind­heit ist die Strafe für ein verborgenes Vergehen. So wird der Blinde zum Gegenstand der Schaulust der Sehenden - wie makaber ist das.

Sogar in die Liebe der Eltern mischte sich der bittere Beigeschmack der Frage: „Kann dies Gottes Wille sein? Warum hat Gott uns das auferlegt?“ Unlösbar sind diese Fragen, sie machen blind für die Wirklichkeit, blind, weil bitter und hart gegenüber dem Blindgeborenen. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihn jemals einer begegnet wäre, ihn als geliebtes Geschöpf Gottes angesehen hätte.

Genau das erlebt der Blinde in dem Augenblick, als Jesus sich ihm zuwendet und in seine lichtlosen Augen schaut. Der Blinde sieht, dass da einer ist, der nicht nur sieht, was vor Augen ist, sondern der das Herz anschaut. Der Blinde sieht, wie er Ansehen gewinnt. Er genießt dieses Ansehen. Dieser, der ihn anschaut, ja durchschaut, trägt nicht die Maske des besserwissenden Vorurteils. Er schaut ihn mit den Augen der Achtung und der Liebe an. Der Blinde sieht, wie dunkel sein Leben ist, dass es durch die lieblose Vernünftelei der Frommen noch um vieles dunkler gemacht wird, als es durch den Mangel des Augenlichtes ohnehin ist.

Was könnte uns Besseres geschehen, als dass wir tun, was Jesus an dem Blinden tut: dass wir uns gegenseitig unser Leben aufhellen durch Zuwendung, Verständnis, durch Achtung und Anteilnahme - um das Bittere, das Schwere erträglicher zu machen. Dann werden auch wir die erneuernde Kraft Gottes an uns spüren, wie sie an dem Blindgeborenen offenbar geworden ist.

Allerdings wäre jeder Arzt entsetzt über die Behandlung, die der Blinde erfährt: Aus Straßenstaub und Speichel rührt Jesus einen Brei an und streicht diesen auf die Augenlider des Blinden.
Das ist aus medizinischer Sicht unsinnig und nutzlos. Offensichtlich will Jesus genau diesen Eindruck erwecken, dass er etwas medizinisch Sinnloses tut, um sich von einem Augenarzt zu unterscheiden.
Jesus tut, was vor ihm die Propheten getan haben; er stellt ihn vor die Entscheidung: Vertraust du mir oder vertraust du mir nicht? Er will den Glauben des Blinden wecken. Die schöpferische Wandlung geschieht also nicht auf der leiblichen, sondern auf der geistigen Ebene, sie vollzieht sich am inneren Auge. Mit dem Staub der Straße offenbart Jesus, was dem Blinden das Lebenslicht raubt: die öffentliche Meinung über den Blinden.

Dazu schminkt er das Gesicht des Blinden, wie man einem Schauspieler eine Maske aufmalt. Dann schickt er den Blinden fort, damit er sich wasche im Teich Siloah.
Mit dieser Inszenierung macht Jesus dem Blinden Mut zu sich selbst. In die Selbständigkeit entlassen geht der Blinde los, längs durch die ganze Stadt, und zeigt jedem, der ihm begegnet, den verkrusteten Schmutz auf seinen Augen. Die verschmierten Augenlider sollen die Frage wecken, ob die Blindheit seiner Augen oder das Vorurteil der Sehenden die Verunreinigung sei. Mit den Krusten der engstirnigen Schuldfrage geht der Blinde zum Wasserspeicher, der für das Leben der Stadt lebenswichtig ist, um sich die aufgelegte Mas­ke vom Gesicht zu waschen.

Er muss das selber tun, denn die Gesellschaft wird ihn immer wieder mit ihren Vorurteilen und mit ihrer Engstirnigkeit diskriminieren, wird nach der Sünde fragen. Indem der Blinde mit dem Straßenstaub auch die verkrusteten Vorurteile von sich abwäscht, reinigt er seine Seele von der sozialen Aussonderung und der Entwertung seines Daseins.

Er tut, wozu Jesus ihn gesandt hat. Er vertraut ihm und befolgt sein Wort. Da geht ihm ein inneres Licht auf.
Er, das blinde Geschöpf, lernt innerlich zu sehen, mit den Augen des Glaubens, frei von der Herabsetzung und Entwürdigung durch das herrschende Denken, das behauptet: „Du bist getrennt von Gott, dein Leben ist wertlos!“ Nein: „Ich bin in Gottes Hand, er liebt mich, das gibt meinem Leben unendlich viel Sinn und Wert.“

An diesem Beispiel sehen wir, was Glauben ist: der Blinde lässt sich auf etwas ein, was dem Verstand verrückt erscheint, und er tut, was Jesus ihm aufträgt - das ist der erste Schritt. Der zweite ist, dass er aus der Erleuchtung seines Herzens kein Hehl macht. Die Begegnung mit Jesus ist es, die seine Seele heilt. Wie der Brunnen die ganze Stadt am Leben erhält, so wird Jesus dem Blinden zur Quelle neuen Lebensmutes. Aus Vertrauen und Befolgen erwächst Heil.

Wir dürfen die körperliche Heilung und das Heil der Seele nicht gegeneinander stellen. Dass allein die leiblichen Augen heil wurden, wird nicht gesagt. Vielmehr hat der Blinde eine neue Sicht auf sein Leben gewonnen, eben Zuversicht – und die gründet, wie man hört, auf neuem Sehen.

Dieses innere Sehen ist es, das die frommen Leute aufschreckt und ihren Glauben durcheinander bringt. Sie forschen nach, woher das Licht im Leben des Blinden komme, und behaupten, der, der seine Augen mit Schmutz bestrichen habe, sei selber ein Sünder und könne deshalb nicht zur Erleuchtung des Herzens verhelfen. So bleibt der Gegensatz zwischen innerem und äußerem Sehen bestehen. Die sehend Blinden drängen den blinden Seher an den Rand.

Unsere Geschichte endet in der fürchterlichen Tat, dass die sehend Blinden diesen Menschen, dem die Augen des Vertrauens geöffnet wurden, verstoßen; sie schließen ihn aus der Gemeinschaft und aus der Güte Gottes aus und machen ihn damit zur Null. Abwendung verletzt, nur Zuwendung heilt - und Vertrauen öffnet die Augen für das Unsichtbare.

Damit wir unserer Herzensblindheit gewahr werden, sollten wir immer wieder einmal unsere Augen schließen, statt auf unser Wissen und Könnens zu starren. Dann erleben wir, wie der Blick nach innen freier, tiefer, klarer wird. Dann werden wir auch des Dunklen in uns gewahr, das wir unter unseren Schauseiten verbergen.
Wenn wir dem Wort Jesu vertrauen: „Geh hin und wasch dich“ - und tun, was er sagt, so wird in uns die Güte Gottes aufscheinen wie ein wunderbarer Sonnenaufgang und wir werden eine neue Sicht auf unser Leben und auf unsere Mitmenschen erlangen.

Den Tag, Herr, deines lieben Sohns lass stetig leuchten über uns,
damit, die wir geboren blind, doch werden noch des Tages Kind'

und wandeln, wie's dem wohl ansteht, in dessen Herzen hell aufgeht
der Tag des Heils, die Gnadenzeit, da fern ist alle Dunkelheit.

Die Werk der Finsternis sind grob und dienen nicht zu deinem Lob;
die Werk des Lichtes scheinen klar, dein Ehr sie machen offenbar.

Zuletzt hilf uns zur heilgen Stadt, die weder Nacht noch Tage hat,
da du, Gott, strahlst voll Herrlichkeit, du schönstes Licht in Ewigkeit. EG 441

Treuer Gott, du umfasst alles und bist in allem. Du bist größer als alles, was wir hochhalten, und beugst dich zu denen, die erniedrigt werden. Du lässt keinen einsam sein, sondern bittest auch die herein, die du an den Hecken und Zäunen findest, damit sie alle an Deinem Tisch sitzen. So hilf uns, denen zu helfen, die bei uns Zuflucht und Lebensunterhalt suchen. Vielleicht sind sie deine Boten, die uns unbequeme Fragen stellen nach unserer Gerechtigkeit, nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Lass uns hinsehen und hinhören. Anstatt uns zu schützen, zeig uns, wie wir ihnen helfen können. Gib Weisheit allen, die das Land verwalten und regieren. Mit Zuversicht beten wir: Vater unser

Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun:

  • Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, heute und morgen zu handeln.

  • Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr, heute die Wahrheit zu leben.

  • Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr, heute von vorn zu beginnen.

  • Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, mit dir zu Menschen zu werden." Wwdl 172

Segen: GOTT segne dich und behüte dich; GOTT lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig; GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Frieden. Amen.