7. Sonntag nach Tr., 26. Juli 2020

Verbunden durch Liebe und Internet / 7. Sonntag nach Tr., 26. Juli 2020,
Pfr. i.R Ulrich Koring, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

GOTT sei mit dir: als Quelle der Liebe; als Gnade, die Mensch wird; als Kraft, die Leben schafft.

Alle Menschen sind Ausländer – fast überall. Doch Gott bietet allen ein Zuhause:
„Durch Christus seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.“

Nun lasst uns Gott, dem Herren, danksagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.

Den Leib, die Seel, das Leben hat er allein uns geben; dieselben zu bewahren, tut er nie etwas sparen.

Wir bitten deine Güte, wollst uns hinfort behüten, uns Große mit den Kleinen; du kannst's nicht böse meinen.

Erhalt uns in der Wahrheit, gib ewigliche Freiheit, zu preisen deinen Namen durch J. Christus. Amen. EG 320

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
So sollen sagen, die der HERR aus der Not erlöst hat,

die er zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.
die irregingen in der Wüste und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,
die zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten

Die sollen dem HERRN danken für seine Güte,
dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem. Psalm 107

Jesus hat sich als Heilsbringer verstanden im Sinne der Propheten (Jesaja 58, 7f):
„Brich dem Hungrigen dein Brot, die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten."

Brich dem Hungrigen dein Brot. Die im Elend wandern, führe in dein Haus hinein; trag die Last der andern.

Brich dem Hungrigen dein Brot; du hast's auch empfangen. Denen, die in Angst und Not, stille Angst u Bangen.

Der da ist des Lebens Brot, will sich täglich geben, tritt hinein in unsre Not, wird des Lebens Leben. EG 418

Predigt: Bleibt in der Liebe zueinander. Seid gastfrei. Hebr. 13

Was gastfreundlich leben bedeutet, haben wir seinerzeit bei Besuchen in den Partnergemeinden östlich des Eisernen Vorhangs erlebt. Wir aus dem Westen wurden sehnlich erwartet und herzlich aufgenommen. Bei der Bewirtung haben die Gastgeber an nichts gespart, obgleich sie in ihren Läden oft vor leeren Regalen standen.

Gastfreundschaft schafft Freiraum für den Mitmenschen, sie bietet dem Gast Obhut und schützt einen selbst davor, um sich selbst zu kreisen. Gastfreundschaft muss von Herzen kommen, denn „mit dem Gast kommt Gott ins Haus“, sagt ein chassidisches Sprichwort; das wusste auch der Schreiber des Hebräerbriefs. In alter Zeit, als die Apostel von Gemeinde zu Gemeinde zogen, als Händler und Boten weite Strecken unter großen Strapazen zurücklegen mussten, waren Reisende der Hitze und Kälte, dem Hunger und Durst ausgesetzt. Sie konnten sich lebensgefährlich verletzen oder unter die Räuber fallen, wie Jesus eindrücklich erzählt.

Wer mehrere Tagereisen zu Fuß oder mit dem Esel unterwegs war, war auf Hilfe und Herberge angewiesen. Gastfreundschaft zu gewähren war erste Bürgerpflicht. Den unangemeldeten und unbekannten Gast umsorgte man mit allem, was das Haus hergab. Lieber bot man ihm zu viel als zu wenig an und bat ihn, die Weiterreise um einen Tag hinauszuschieben. Ich habe überschwängliche Gastfreundschaft erlebt bei aramäischen Christen im Tur Abdin oder bei einer jüdischen Familie in Eilat, die mich drei Tage gepflegt hat. Auch in deutschen Häusern anlässlich der Teilnahme am Kirchentag. Lang anhaltende Freundschaften sind daraus entstanden.

Heutzutage sind viele eher froh, wenn der Gast bald wieder geht. Manche fürchten, sich zu blamieren, weil sie nicht das Feinste von Feinen aufbieten können. Andere fürchten, sich zu sehr einschränken oder eigene Vorhaben zurückstehen zu müssen. Viele haben noch nie einen fremden Menschen beherbergt und lassen sich deshalb erst gar nicht auf einen Gast ein. So aber machen sie auch nie die Erfahrung, dass sie als Gastgebende selber beschenkt werden mit Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Freude, Verständnis und Dankbarkeit.

Regine Hildebrandt, von 1990 bis 99 Ministerin für Arbeit und Soziales in Brandenburg, gern ›Mutter Courage des Ostens‹ genannt, sagte: „Mir sind Gäste zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen; ich mache nicht so viel Aufwand mit ihnen, sondern integriere sie. Sie fügen sich in unser manchmal chaotisch anmutendes Familienleben ein und fühlen sich dabei wohl.“

Gastfreundschaft erwächst aus Lebensfreude, Einfachheit und Bescheidenheit. Sie gehört zu den ältesten Werten der Menschheit. Ihre Wurzeln reichen zurück bis zu den umherziehenden Jäger und Händlern in der Frühzeit. Der Gast brachte meistens etwas mit: Werkstoffe, Gewürze, Kenntnisse und Fertigkeiten, Kunde aus anderen Ländern. Paulus, der Weltreisende unter den Aposteln, sagte von sich: „ich bin den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche geworden.“ Er ging auf unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen und Lebensstile ein – ebenso offen wurde er beherbergt, in Krankheit sogar ärztlich betreut.. Später pflegten die Klöster die Gastfreundschaft: Boten, Pilger und Bettler, auch Könige fanden Obdach und Ruhe und Verpflegung.

Viele unsrer Zeitgenossen sehen es als Naturrecht an, in ferne Länder zu reisen: Doch den Menschen dort, ihren Freuden und Sorgen, ihrer Kultur, begegnen sie wenig oder gar nicht. Käme es nicht gerade darauf an, hinzusehen, sich berühren zu lassen, sich auf einen Dialog einzulassen? Was haben jene Menschen uns zu sagen, deren Kulturdenkmäler wir fotografieren, deren Speisen wir genießen, deren Löwen, Elefanten, Nashörner von reichen Narzisten getötet werden? Was haben jene uns zu sagen, deren Sorgen wir überhören?

Gastfreundschaft schafft Raum für den Mitmenschen, sie bietet Obhut und bewahrt Gastgeber und Gast vor der Fixierung auf sich selbst. Gastfreundschaft ist also sozial und individuell heilkräftig. Denken wir an Maria und Marta, an Simon, an Levi, an Zachäus. ‚Kumpan der Sünder und Zöllner‘ wurde Jesus beschimpft.

Geradezu mit Fleiß und Vorsatz hat Jesus die Gastfreundschaft gesucht. „Steig eilend herab, ich muss heute dein Gast sein“. Jesus hat sich Zachäus aufgedrängt – nicht weil er mal auf einem Marmorboden laufen und auf einer gepolsterten Liege speisen wollte. Nein, er suchte das Vertrauen des Zachäus. Und er brachte in sein Haus, was alle ringsum ihm vorenthielten: Wertschätzung.

Zachäus war verhasst in der Gegend, weil er den Römern die Steuer des Marktplatzes im Voraus bezahlte und hernach das Geld doppelt und dreifach auf den Märkten abschöpfte. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Jesus antwortete: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Und Zachäus erklärte: Was ich zu Unrecht genommen habe, will ich vierfach zurückgeben.

Gelebte Gastfreundschaft lässt die ausgestreckten Arme Gottes erfahren und kann auch heute eine Ahnung vom großen Zuhause aller Menschen wecken. Gott möchte unser Vertrauen gewinnen und nutzt die Tischgemeinschaft als Ort, um in unserem Leben das Verkehrte zum Guten zu wenden. Gott selbst ist gastfreundlich und setzt sich mit denen, die er liebend an sich bindet, an den Tisch. Eine der biblischen Urerfahrungen lautet: „Mose und Aaron, Nadab und Abihu und die 70 Ältesten schauten Gott und aßen und tranken.“

Sogar in prekären Verhältnissen bittet Gott um Herberge und wird selber zum Gastgeber. Es sieht wie eine dreiste Unverschämtheit aus: schon lange lastet die Hungersnot auf dem Land, eine Witwe ist im Begriff, ihr letztes Brot zu backen und dann mit ihrem Sohn zu sterben. Diese Witwe fordert der Prophet Elia in Gottes Namen auf, sie solle den kläglichen Rest Mehl teilen und auch ihm von dem Brot geben. Die Notgemeinschaft bringt eine Überraschung nach der anderen und rettet schließlich allen das Leben.

Der Schreiber des Hebräerbriefs hat die Erzählung vom Besuch der drei Männer bei Abraham und Sara vor Augen gehabt; das Besondere an diesen Gästen ist, dass sie etwas mitbringen, gute Nachricht. Aus der griechischen Übersetzung der Bibel haben wir die Bezeichnung für sie übernommen: Engel. Sie künden Zukunft an, sie sagen, dass Gott einen Schritt weitergeht, um sein Wort wahrzumachen. Ja, mit dem Gast kommt Gott ins Haus. Er hält das gegebene Wort: hier wird Sara schwanger; dort gehen Mehl und Öl nicht zur Neige; und für Zachäus geht in Erfüllung, was sein Name sagt: „Gott gedenkt meiner.“

Andererseits ist uns gesagt: Das Himmelreich besteht nicht in Essen und Trinken, sondern im Zurechtbringen, in Friede und Freude im Heiligen Geist. Wenn Essen und Trinken, Fitness und Wellness Lebensinhalt sind, ist für Nächstenliebe und Solidarität kein Platz; statt Himmelreich findet Egotripp statt. Die Folge ist, dass vielen das Nötigste zum Leben fehlt, während einige in Saus und Braus leben.

Liebe geht durch den Magen, sie kleidet sich gern in Handreichungen. Liebe weicht versteinerte Strukturen auf, sie sucht und findet die Vergessenen. Das Arbeitsfeld der Liebe liegt nicht im Himmel, nicht jenseits aller Bedürfnisse. Der Gestaltungsbereich der Liebe liegt im Alltag der Welt, also im Umgang miteinander.

Bleibt in der Liebe zueinander. Seid gastfrei. Die Kirchen der Frühzeit waren Wohnzimmer. Wer bei sich genügend Platz hatte, lud die Glaubensgeschwister in sein Haus ein, um zu beten, die Botschaft zu hören, das Mahl zu feiern und Hab und Gut miteinander zu teilen. Glaube und Liebe wurzeln in häuslicher Gemeinschaft. Sie haben Hand und Fuß. Wir glauben mit Herzen und Händen; wir tragen und trösten; wir werden überrascht und beschenkt, stets will der Glaube leibhaft werden, so dass Christus unter uns Gestalt annimmt.

Auf und macht die Herzen weit, euren Mund zum Lob bereit!

Gottes Macht schützt, was er schuf, den Geplagten gilt sein Ruf.

Gottes Wort ruft Freund und Feind, die sein Geist versöhnt und eint.

Gottes Güte, Gottes Treu sind an jedem Morgen neu. EG 454

Treuer Gott, du umfasst alles und bist in allem. Du bist größer als alles, was wir hochhalten, und beugst dich zu denen, die erniedrigt werden. Du lässt keinen einsam sein, sondern bittest auch die herein, die du an den Hecken und Zäunen findest, damit sie alle an Deinem Tisch sitzen.
So hilf uns, denen zu helfen, die bei uns Zuflucht und Lebensunterhalt suchen. Vielleicht sind sie deine Boten, die uns unbequeme Fragen stellen nach unserer Gerechtigkeit, nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Lass uns hinsehen und hinhören. Anstatt uns zu schützen, zeig uns, wie wir ihnen helfen können.
Gib Weisheit allen, die das Land verwalten und regieren. Mit Zuversicht beten wir: Vater unser

Damit aus Fremden Freunde werden, kommst Du als Mensch in unsre Zeit:
Du gehst den Weg durch Leid und Armut, damit die Botschaft uns erreicht.

Damit aus Fremden Freunde werden, schenkst Du uns Lebensglück und Brot:
Du willst damit den Menschen helfen, retten aus aller Hungersnot.

Damit aus Fremden Freunde werden, gibst Du uns Deinen Heilgen Geist,
der, trotz der vielen Völker Grenzen, den Weg zur Einigkeit uns weist."
EG 657

Segen: GOTT segne dich und behüte dich;
GOTT lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Frieden. Amen.