3. Sonntag nach Tr., 28. Juni 2020

Verbunden durch Liebe und Internet / 3. Sonntag nach Tr., 28. Juni 2020; Pfr. Ulrich Koring
Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

 

GOTT sei mit dir: als Quelle der Liebe; als Gnade, die Mensch wird; als Kraft, die Leben schafft.

Suchen, streben, gewinnen – viele wollen hoch hinaus – und viele stürzen tief ab. Wer geht ihnen nach?
Jesus sagt: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.“

♫ Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in' Tod;
weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott.
Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja EG 303,1

Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
So hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er Gnade walten über denen, die ihm vertrauen.
So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Psalm 103

Lesung Der Hirte lässt die Schafe zurück und sucht das eine, bis er‘s findet….
„Freut euch mit mir, denn ich habe das Schaf gefunden, das verloren war“. Luk 15, 1-7

♫ Jesus nimmt die Sünder an. Saget doch dies Trostwort allen, welche von der rechten Bahn
auf verkehrten Weg verfallen. Hier ist, was sie retten kann: Jesus nimmt die Sünder an.‘ EG 353,1-3

„Wo ist solch ein Gott, der Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übriggeblieben sind; der an seinem Zorn nicht ewig festhält? Er hat Gefallen an der Gnade, er wird sich unser erbarmen, unsere Sünde unter seine Füße treten, ja sie ins Meer werfen, wo es am tiefsten ist.“. Micha 7, 18-20

„Wo hab ich bloß meinen Schlüssel abgelegt? Wo ist meine Brille?“ Sie kennen solche Situationen: da irrt man ohne Brille herum und sucht mit Augen, die eingeschränkt sehen, die Brille, mit deren Hilfe man den Schlüssel suchen möchte. „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zu suchen“ – solch eine Kalenderweisheit, die das Missgeschick ironisiert, hilft kaum, das Gesuchte zu finden. Eher mahnt die Not zur Vernunft: „Das Leben ist zu kurz, um es mit Suchen zu verbringen.“

Suchende sind wir, in Dunkel und Licht; es suchet ein jeder, was ihm gebricht:
die Schönheit, die Liebe, die Macht - doch wer hat an Christus gedacht? (Hermann Stern)

Liebe Schwestern und Brüder, gebratene Tauben fliegen uns nicht in den Mund; um das, was wir zum Leben brauchen, müssen wir uns mühen; manche suchen Perlen, manche Gold. Zu den Grunderfahrungen des Lebens gehört neben Berufs- und Partnerwahl auch die Suche nach Gott.

Glücklich, wer die Spuren lesen kann, die auf Gott hinweisen: wer den Regenbogen versteht, wer angesichts der bunten Vielfalt von Schmetterlingen erkennt, dass wir todlangweilig sind, wenn wir nicht innerlich eine bunte Vielfalt an Qualitäten entfalten: Aufrichtigkeit, Offenheit, Wertschätzung, Demut, Selbstdisziplin und Tatkraft. Selig sind die, die Gott Ehre erweisen und seine Güte erkennen in allem, was da ist: in dem perlenden Wassertropfen und im Sonnenstrahl, im Duft der Blüte, in herbstlicher Farbenpracht, im Schneekristall – und erst recht in jedem Lächeln, in Zuwendung, in Mitgefühl, in Treue, im Verzeihen, in Zusammenarbeit, im Frieden.

Wie wertvoll es ist, Gottesdienst zu feiern, erkennen wir jetzt, nachdem es einige Monate nicht erlaubt war. Auch wenn wir regelmäßig zum Gottesdienst gehen, laufen wir Gefahr, dass wir das Gespräch mit Gott aufgeben, das Vertrauen auf Gott verlassen, die Verbindung mit Gott verlieren – warum? Weil die Angst uns gefangen nimmt. Darum lädt Gott ein: „Sucht mich auf, geht bei mir aus und ein. Lauft nicht anderen Verlockungen und Zielen nach: Bleibt an meiner Hand. Strebt zu mir, weil ihr mich kennt.“

Wir suchen Gott, weil wir ihn schon gefunden haben. So werden wir ihn immer wieder antreffen, annehmen, genießen und bewahren. Die Gottsuche beschreibt also ein Leben, das in großer Aufmerksamkeit, in Ehrfurcht, in Dankbarkeit und Freude gelebt wird. Die Gott-Suche umfasst den wertvollsten Fund; er wird in drei Sätzen beschrieben:

„Ich suchte Gott – aber fand ihn nicht. Ich suchte mich selbst, aber fand mich nicht.
Da begegnete ich meinem Bruder – und fand alle drei.“

Wer den Mitmenschen, sich selbst und in beiden auch Gott findet, hat alles gefunden. Das Wörtlein ‚Wo‘, das zumeist eine gähnende Leere spiegelt, wandelt sich zu einer gefüllten Schale: „Hier, in meinem Herzen, wo sonst wäre Gott und die Fülle des Lebens zu finden!“

Dem Finden geht manchmal ein langes Suchen vorauf. Der Prophetenspruch, den wir heute hören, ist aus einem langen Suchen hervorgegangen. Micha, ein Zeitgenosse von Jesaja, war Bürgermeister einer Landgemeinde südwestlich von Jerusalem. Von Amts wegen gehörte er zum Kreis der Ältesten, die auch Einblick in das politische Geschehen in Jerusalem hatte. Gleichzeitig regierten in den befestigten Grenzstädten königliche Beamte, die gern ihre Machtbefugnisse zur Schau stellen, Druck ausübten, sich Vermögen, Grundstücke und Häuser aneigneten. Deren Interessen kamen ständig in Konflikt mit dem altisraelischen Bürgerrecht, das Micha zu vertreten und zu vollziehen hatte. Er greift die königlichen Beamten hart an. Micha ahnt, dass die großkotzige Politik bald auch dem Südreich den Garaus machen wird, wie man das wenige Jahre zuvor an der Zerstörung des Nordreichs miterlebt hatte. Warum sollte dem Aufbegehren gegen Assyrien in Jerusalem Erfolg beschieden sein, wenn es Samaria in den Abgrund gestürzt hat? Tatsächlich kommt Jerusalem in harte Bedrängnis; das assyrische Herr zieht mordend und plündern gegen Jerusalem vor. Eine wochenlange Belagerung jedoch würde die Truppe von wichtigeren Einsätzen abhalten. Der Feldherr begnügt sich mit dem Säbelrasseln und eilt nach Syrien zurück,

Diejenigen, die die Botschaft des Micha überliefert haben, haben der harten Anklage düstere Worte der Wehklage hinzugefügt, denn hundert Jahre später hat die trotzige Selbstbehauptung Jerusalem und Juda in den Untergang gestürzt. Und erneut hundert Jahre später haben andere jene freundlichen Worte des Heils hinzugefügt, die wir heute bedenken:

„Wo ist solch ein Gott, der Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übriggeblieben sind? Der an seinem Zorn nicht ewig festhält, Er hat Gefallen an der Gnade, er wird sich unser erbarmen, unsere Sünde unter seine Füße treten, ja sie ins Meer werfen, wo es am tiefsten ist. Einen bitteren Weg waren die Judäer durch Unterwerfung und Deportation gegangen, bis ihnen ein Leben in Freiheit geschenkt wurde. Schuld erlassen, Sünde vergeben, aus Fehlern gelernt. Der Gott, der mit seinem Volk ins Exil gegangen ist, macht den Weg frei in eine frohe Zukunft. Wo ist solch ein Gott?

Die Frage ist berechtigt. Denn die Götter der Umwelt sind überhaupt nicht an Vergebung interessiert, nicht zur Gnade fähig. Sie zeigen kein Erbarmen, denn sie stehen für das Funktionieren, für Durchsetzung, für Erfolg, für Zugewinn. Ashera hat Fruchtbarkeit im Sinn, Baal und Anat wollen Wirtschaftswachstum, Assur verkörpert Macht und Eroberungsdrang. Die Götter der Umwelt sind den Gelüsten und Geschäften der Menschen zum Verwechseln ähnlich. Sie sind Götter für Gewinner, nicht für Verlierer.

Davon unterscheidet sich der Gott Israels. Vom Stolz der Gewinner und von der Unterwerfung der Verlierer unterscheidet sich auch die Botschaft des Propheten. Ihr seid Kinder der Gnade. Gott gibt euch eine neue Chance. Was auch immer euch anhaftet an verfehlter Politik, an Irrtum und Scheitern - dennoch erbarmt sich Gott euer. Er hat Gefallen an der Gnade. Was auch immer gegen uns spricht, Gott spricht für uns. Christlicher kann man den Kern der Frohen Botschaft der Propheten nicht aussprechen.

Gottes Liebe ist uns immer schon einen Schritt voraus. Deshalb können wir unsere Verkehrtheit, unsere Irrwege, unsere Sünde erkennen, bekennen, bereuen. Dann geschieht, was wir aus eigener Kraft nicht fertig brächten: Gott tritt unsere Sünde unter seine Füße, damit sie nie wieder in unseren Herzen aufkeime; er wirft sie ins tiefe Meer, damit wir frei sind. Gott nagelt uns nicht auf Fehler fest. Gott vergibt.
Damals Zerstörung und Deportation, heute die Zerrissenheit der Menschheit durch Verschwörungsfantasien und Hass, dazu die Bedrohung durch Viren, durch Mangel, durch Gewalt - dieses Unheil fällt auf uns, weil wir es selber vorbereitet haben. Sicherheiten zerbrechen, woran können wir uns halten?

Menschen wie Micha haben uns gewarnt und gefordert, bescheidener und natürlicher zu leben. Wir haben sie nicht ernstgenommen. Statt Schuld abzuwälzen kommt es darauf an, Fehler einzugestehen. Die Kirchen haben 1948 ihr Versagen im Stuttgarter Schuldbekenntnis offen zum Ausdruck gebracht. Wäre es nicht an der Zeit, nach 70 Jahren Aufbau, Wohlstand und neuer Armut ebenfalls einzugestehen, dass wir den Nutzen glorifiziert, aber den Schaden verschwiegen haben; mit jeder Lösung neue Probleme geschaffen haben? Dass wir die im Stich gelassen haben, für die wir hätten eintreten sollen?

Ehrlichkeit ist der erste Schritt zur Heilung. Wer Sünde bekennt, dabei aber gar nicht anschaut, was er angerichtet hat, wird weiter sündigen. Wir können ohne Furcht Fehler beim Namen nennen. Nur durch Offenlegung verlieren sie ihre Macht zur Wiederholung. Nur auf in Worte gefasste Schuld kann Gott seine Füße stellen. Er tut für uns, was er kann. Er ist treu. Lasst uns ihm treu sein – und tun, was wir können.

Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein; deswegen kam der Sohn auf Erden
und nahm hernach den Himmel ein, deswegen klopft er für und für so stark an unsers Herzens Tür 354,3

Treuer Gott, erbarme dich unser und aller, die nach Trost und Hoffnung lechzen.
Du vergisst keinen, weder Tote noch Lebende. Lass uns allezeit in Dir geborgen sein.
Nimm von uns die Angst vor Corona, lass uns achtsam und schonend miteinander umgehen.
Weil Du Sünde vergibst, hilf uns, auch einander zu vergeben. Lass uns hinsehen und hinhören.
Hilf uns, denen beizustehen, die mit ihrem Alltag nicht zurechtkommen.
Gib Weisheit allen, die das Land verwalten und regieren. Mit Zuversicht beten wir: Vater unser

Ich folge Gott, ich will ihm ganz genügen. Die Gnade soll im Herzen endlich siegen.
Ich gebe mich; Gott soll hinfort allein und unbedingt mein Herr und Meister sein. EG 392,7

Herr Christ, um deines Namens Ehr halt uns in deinem Frieden,
den Glauben stärk, die Liebe mehr', dein Gnad sei uns beschieden;
gib Hoffnung uns in dieser Zeit, führ uns zu deiner Herrlichkeit. Dir sei Lob, Preis und Ehre! EG 356,2

Segen: GOTT segne dich und behüte dich;
GOTT lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Frieden.