Lesegottesdienste

Andachten

Leseandacht

Leseandacht, 2.Sonntag nach Epiphanias
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

 

Der Sonntag und die kommende Woche stehen unter dem Wort aus dem Johannesevangelium:

Von Christi Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh 1,16):

Gebet Herr unser Gott , ich danken dir für diesen Tag meines Lebens. Du lässt mich aufatmen von meinen Sorgen. Du weckst in mir nach bedrückender Zeit wieder ein Lachen. Du nimmst mir meine Ängstlichkeit durch deinen Zuspruch. Auf dich richtet sich mein Vertrauen und meine Hoffnung. Mach mich gewiss: Aus der Fülle deiner Liebe darf ich leben.

EG 74, Du Morgenstern, du Licht vom Licht 

Auf seinem 40-jährigen Zug durch die Wüste erlebt das Volk Israel immer wieder schwierige Zeiten und Rückschläge. Gotteszweifel nisten sich ein. In einem dieser Momente bricht Mose kurzerhand ins Gebirge auf, um sich ganz persönlich zu vergewissern, ob Gott noch da ist. Was ihm dort widerfährt steht im 2. Mosebuch.

 

Bibeltext Mose bat den HERRN: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Da sagte Gott: Ich will all meine Güte an dir vorüberziehen lassen und den Namen des HERRN vor dir ausrufen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und mit wem ich Erbarmen habe, dem erbarme ich mich. Weiter sagte Gott: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Und der Herr fügte hinzu: Aber sieh, da ist ein Platz in meiner Nähe. Stell dich da auf den Felsen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in den Felsspalt stellen. Solange ich vorüberziehe, werde ich meine Hand über dich halten. Danach werde ich meine Hand wegziehen und du kannst hinter mir hersehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2.Mose 33,18ff)

 

EG 379 Gott wohnt in einem Lichte   

 

Leo Tolstoi hat eine kleine Geschichte über eine der religiösen Sehnsüchte von uns Menschen geschrieben. Sie handelt „Vom König, der Gott sehen wollte“. Tolstoi erzählt darin, dass dieser Wunsch, Gott zu sehen, den König so drängte, dass er am Ende sogar seinen Priestern und Weisen schwerste Strafen androhte, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, ihm Gott zu zeigen. Da kam ein einfacher Hirte an den Hof, führte den König ins Freie, zeigte auf die Sonne und sagte zum ihm: „Schau hinein“. Nach seinem Versuch in die Sonne zu schauen, schloss der König die Augen und rief: “Willst du, dass ich erblinde?“ Da sagte der Hirte zu ihm: „Aber König. Die Sonne ist doch nur ein Ding der Schöpfung. Ein schwacher Abglanz der Größe Gottes, ein kleines Fünkchen seines flammenden Feuers. Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott sehen? Suche ihn mit anderen Augen.“

Auch der große Prophet Mose hatte diesen Wunsch, Gott einmal sehen zu dürfen. Davon erzählt der heutige Predigttext, den wir eben gehört haben. Er kannte ja nur Gottes Stimme. Konnte nur dessen Worte weiter geben an sein Volk. Vielleicht hat die Unzufriedenheit der Israeliten, diesen Wunsch, Gott zu sehen, in ihm übermächtig werden lassen.
Unzufrieden war Volk Israel damit, nur einen unsichtbaren, nicht greifbaren Gott zu haben; einen, den sie nur dem Namen nach kannten Sie wollten etwas Handfestes, etwas Vertrautes, Berechenbares. Vor allem etwas dauerhaft Sichtbares. Und sie machten sich ein goldenes Kalb; ein vertrautes Götterbild der damaligen Zeit. Mose ist darüber entsetzt. Zerschmettert die Gebots-tafeln, die er vom Berg Horeb heruntergebracht hat.

Jetzt steht er von neuem auf diesem Berg. Sucht wieder das Gespräch mit Gott, bittet ihn, seinem Volk nahe zu bleiben auf ihrem Weg ins gelobte
Land. Hört Gottes Stimme, die den Auftrag an ihn erneuert, das Volk Israel durch die Wüste zu führen.
Mose steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er weiß um den Widerstand seines Volkes gegen dieses unsichere Unternehmen. Jetzt muss er den
Sturköpfen die Meinung geigen und sie wieder auf den richtigen Weg bringen. Es mag ihn auch die Last drücken allein verantwortlich zu sein. In Mose, -stell ich mir vor- brennt der Wunsch nach Gewissheit und so bricht es
aus ihm heraus: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“!
Wer möchte das nicht manchmal -so wie der Mose: Gott wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Um ganz sicher zu werden, dass
er wirklich da ist; Dass er die Welt im Griff hat, denn die kommt uns oft genug gottverlassen vor. Die Grausamkeiten. Die Kriege. Die gefährdete
Schöpfung. Die Unvernunft der Menschen. Hat Gott das noch im Griff? Und kennst du das nicht auch so ganz im Persönlichen? Vor einer großen Herausforderung vielleicht, vor einer schweren Entscheidung, in einer
schwierigen Lebenssituationen. Den Wusch nach Vergewisserung, dass Gott auch 100% hinter mir steht. Mich nicht im Regen stehen lässt, mich
meinen Weg nicht alleine ziehen lässt. So wie Mose eben, Gott sehen wollte, weil er eine Vergewisserung brauchte. „Lass mich dich doch einmal
sehen“. Dann könnte ich wieder ganz anders auftreten, ganz anders glauben, die Aufgaben, vor die ich gestellt bin, viel sicherer anpacken. Wieviel leichter könnten wir an Gott glauben, wenn er uns ein verlässliches Zeichen seiner Existenz gäbe. Die Zumutung für Mose wie für uns liegt
darin, glauben zu müssen ohne sehen zu können. Oder anders gesagt: Gott zu vertrauen , ohne ihn ganz zu kennen und zu begreifen Paulus hat
dafür einmal die Worte gefunden: Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. (2.Kor.5,7) Wissen contra Vertrauen - Ich spring mit meinen Gedanken in das Leben eines Paares.

Um vier Uhr morgens vibriert das Smartphone auf dem Nachttisch. Mehrmals hintereinander. Er wacht davon. Das Telefon, dass ihn geweckt hat gehört seiner Freundin die neben ihm ruhig weiterschläft. Er kann nicht mehr schlafen. Am liebsten möchte er sie umarmen die Frau neben ihm, in die er unsterblich verliebt ist. Aber er kann es jetzt nicht. Das Kopfkino hat soeben seine Pforten geöffnet, und der Film, der da läuft, ist sein persönlicher Klassiker. Der Film trägt den Titel: Ich werde betrogen. Ein Leben mit dieser Frau sollte seine Zukunft sein! Die steht nun auf dem Spiel. Er weiß sofort, dass er überreagiert. Aber seine Angst ist eben größer als das, was er eigentlich weiß. Alles steht plötzlich in Frage. Alles steht so lange in Frage, bis sie ihm sagen wird, wer ihr um diese Uhrzeit Nachrichten schickt. Wenn sie ihm die zeigen würde, wäre alles gut. Dann hätte er den Beweis. Dann wäre er in Sicherheit und ihre Liebe auch.
Aber ist sie dann wirklich in Sicherheit, ihre Liebe? Wenn er seiner Freundin sagt, dass er die Nachricht sehen muss, dann sagt er ihr ja zugleich, dass er ihr nicht vertraut. Und sie wollten einander doch vertrauen. Wollten darauf ihre Beziehung bauen. Vielleicht nimmt ihre Liebe Schaden daran, dass er ihr nicht vertraut?
Gewissheit gegen Vertrauen. Ob er in dieser Nacht noch eine Antwort findet.

Gott erinnert mit seiner Antwort daran, dass alles menschliche „wissen wollen“ ihre Grenzen erfährt. „Mein Angesicht darfst du nicht sehen“, sagt er zu Mose und fügt den rätselhaften Satz hinzu denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. „Bleibt Gottes Angesicht, den Toten vorbehalten? Oder ist es mit Gott wie mit dem jungen Paar: Wissen contra Vertrauen. Stirbt die Liebe, wenn ich Beweise für sie fordere?

Ich weiß nicht, ob ich über Gottes Antwort enttäuscht sein soll. Wer klug ist, versucht ja auch nicht, direkt in die Sonne zu schauen, um sie zu sehen. Und weiß trotzdem, dass sie scheint.
Vielleicht bin ich im Grunde meines Herzens eher dankbar. Gottes letztes Geheimnis, seine wirkliche Größe bleibt gewahrt. Wir Menschen können mit Geheimnissen doch sehr schlecht umgehen. Am ehesten zerstörerisch in unserem Drang alles wissen und beherrschen zu wollen. Es ist schon gut, dass Gott zu Mose „Nein“ gesagt hat. Denn wir Menschen können mit Geheimnissen nicht sehr gut umgehen.

Lass mich dein Angesicht sehen!“ Für uns Menschen sind Gesichter sehr wichtig.  Der erste Eindruck zählt. 
Das Foto auf der Dating-App oder das, in den eingereichten Bewerbungsunterlagen. 
“Gott musst du mit anderen Augen suchen“, lässt der Hirte den König in Tolstois Erzählung wissen. “Mein Gesicht darfst du nicht sehen“, sagt Gott
zu Mose. „Aber Ich will all meine Güte an dir vorüberziehen lassen“. Gott ist an seiner Güte zu erkennen. Mose ist unsicher als er Gott gegenübertritt. Sein Volk hatte Gott das Vertrauen entzogen und sich dieses goldene Kalb gegossen. Jetzt hat er
Angst, dass Gott nun seinerseits den Israeliten sein Vertrauen entzieht. Dass er seinen Zorn zeigt und sie in der Wüste sitzen lässt. Gott aber
erinnert ihn: „Ich will und den Namen des HERRN vor dir aus-rufen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und mit wem ich
Erbarmen habe, dem erbarme ich mich“.
Gnade ist mein Name, das lässt Gott Mose wissen und dass er dabei nicht abhängig davon ist,
wie wir Menschen uns verhalten. Gnade und Erbarmen Gottes sind nichts, was man sich anschauen kann, sie sind nur erfahrbar. Diese Erfahrung ist aufbewahrt in Geschichten,
die das Volk Israel mit seinem Gott erlebt hat. Sie hat sich verkörpert in Jesus Christus. Und sie bleibt eine erfahrbare Größe auch in unserem
Leben.
Ein Mensch, der von einer schweren Krankheit genesen ist oder der dem Tod auf andere Weise von der Schippe gesprungen ist, kann von dieser
Gnade erzählen. Die Eltern, deren Kind mit einem Loch im Herzen geboren wurde, und die nach schwierigen, angstvollen Jahren und Operationen
heute eine fröhliche unbeschwerte 18-jährige Tochter erleben dürfen. Die Geschwister, die nach einem heftigen Streit sich ausgesprochen haben
und heute wieder zusammen Familienfeste feiern Genauso wie Menschen, die Krieg und Terror in ihrem Land entfliehen konnten und in Gastländern
Aufnahme , Verständnis und Unterstützung gefunden haben.
Gottes Angesicht kann man nicht sehen. Aber die Spur seines gütigen und versöhnenden, heilenden Wesens, die ist da in unserem Leben. Davon
können wir erzählen.

Was das junge Paar angeht: Ich wünsche dem Mann, dass er es darauf ankommen lassen kann. Dass er beim nächsten nächtlichen Vibrieren des Telefons keinen Eintritt mehr für sein Kopfkino zahlt. Ich wünsche ihm, dass er stattdessen den Arm um seine Schöne legt und denken kann: „Meine Liebe, Vertrauen hält uns zusammen, nicht Wissen“.

Noch etwas zweites, rätselhaftes bekommt Mose von Gott zu hören: Mein Angesicht kann man nicht sehen, 
aber „du kannst hinter mir hersehen“. Wörtlich übersetzt: „Du kannst meine Rückseite sehen“.
Aufs erste Lesen wirkt dieser Satz fast herablassend, wenn ich daran denke, dass der, der mir den Rücken zukehrt sprichwörtlich kein Interesse an
mir hat. “Du kannst hinter mir hersehen“. Dieser Satz spricht aber eine wichtige Erfahrung aus: Im Nachschauen ist Gott erkennbar. Wenn ich auf
mein Leben zurückblicke, sehe ich seine Spuren. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, hat der Philosoph Sören Kierkegaard geschrieben. Das gilt für Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis gleichermaßen. Nicht alles klärt sich sofort, nicht alles was uns passiert, können wir gleich einordnen. Manchmal merkt man erst viel später, dass Gott seine Hand
schützend über einen hält -wie er sie über Mose in der Felsspalte gehalten hat. Manchmal geht einem erst im Nachdenken über eine Situation, die man durchlitten hat, ein Licht auf; oder brennt einem das Herz, wie den zwei
Jüngern, die erst im Nachhinein erkannten wer da mit ihnen auf dem Weg war von Jerusalem nach Emmaus.
Eine Frau bekommt ein Kind und fühlt sich Ende 40 viel zu alt dafür. „Ich habe geweint vor Kummer darüber, erzählt sie mir. Und jetzt, wo ich so
alt bin, erfahre ich den Segen, der mir durch diese späte Tochter zuteil wird. Oft genug ist Gott erst im Nachschauen erkennbar, in der Rückschau auf mein Leben, auf das, was war und wie es sich zusammengefügt hat.
“Mein Angesicht kannst du nicht sehen“, sagt Gott zu Mose. Suche Gott mit anderen Augen“, sagt der Hirte zum König. „Schau ihm nach und erkenne Gott in den Spuren, die er gezogen hat“, höre ich die Bibelworte sagen, in seinen Taten, in seinem Sohn
Jesus Christus und die er noch immer zieht, in deinem Leben. ♫ EG 656 Wir haben Gottes Spuren festgestellt Gebet Großer Gott, schon immer hast du Wunder getan, um das Geschick der Bedrückten zu wenden. Aus Enge hast du in die Weite geführt, aus
Klage in neue Lebensfreude, aus Not in die Fülle. Du verwandelst auch mein Leben und machst mich zu einem Menschen, der aufrecht und klar
seinen Weg gehen kann, der der Liebe mehr traut als der Gewalt und die Hoffnung behält, auch da wo alles aussichtslos scheint. Ich danke dir für
alle Bewahrung, die ich erfahren durfte. Vater unser Segen GOTT segne dich und behüte dich. GOTT lasse sein Angesicht leuchten über und sei dir gnädig. GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe
dir Friede.

 

 

 

Leseandacht Jahreslosung 2023

Leseandacht, Jahreslosung 2023
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

 

NL +130 Du siehst mich 
1. Du siehst mich, wo ich steh, wo ich geh, wo auch immer ich bin,
auch wenn mein Blick nur suchen kann, bist du, bist du, bist du mein Gott.
2. Denn du hörst mich, wo ich steh, wo ich geh, wo auch immer ich bin,
auch wenn mein Mund nur stammeln kann, bist du, bist du, bist du mein Gott.
3. Denn du liebst mich, wo ich steh, wo ich geh, wo auch immer ich bin,
auch wenn mein Herz nur zweifeln kann, bist du, bist du, bist du mein Gott.

1 „Du bist ein Gott, der mich sieht“.
Das sind die Worte der Jahreslosung, die uns durch das Jahr 2023 begleiten wollen. Sie stehen im 1. Buch Mose, im 3.Vers des 16.Kapitels. Was für ein schöner, was für ein wärmender Satz: „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Empfindest du das auch so?

Der Wunsch gesehen zu werden, ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wer die Erfahrung schon gemacht hat, übersehen zu werden -absichtlich oder unabsichtlich-, der weiß, was das mit einem macht. Ich will gesehen werden mit dem, was ich kann und leiste und erlebe, mit dem was ich fühle und was mich bewegt. Unter Expert*innen gibt es die Meinung, dass ein Burnout häufiger durch fehlende Anerkennung ausgelöst wird als durch zu viel Arbeit.

Ich möchte gesehen werden. Es fängt im Kleinkindalter an, wenn Kindern ihren Eltern unermüdlich zurufen: „Guck mal, was ich kann“.-Gesegnet die Kinder, deren Eltern dann auch wirklich hinschauen-. Und setzt sich fort im Jugend- und Erwachsenenalter. Unsere sozialen Netzwerke, Facebook, Instagram und Co mit ihrer unfassbar großen Bilder- und Videoflut sprechen da für sich selbst.
Gleichzeitig geht in diesem riesigen Feld der digitalen Begegnung die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch mehr und mehr verloren. Und das, obwohl wir auch alle wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn uns jemand entgegenkommt, anlächelt, einen guten Morgen wünscht. Wir werden wahrgenommen. Jemand achtet auf uns- vielleicht nur einen Moment lang, aber es beflügelt die Seele und macht den Tag gleich etwas heller. Schade, dass der Blick aufs Handy heute vielen Menschen selbstverständlicher ist als der Blick in das Gesicht eines echten Gegenübers.

Ob er sich deshalb so gut anhört und anfühlt der Satz: „Du bist ein Gott, der mich sieht“, weil die Angst in uns steckt, nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen zu werden?

Die erste, die es ausspricht, ist eine junge Frau aus dem Haushalt Abrahams. Hagar ist die ägyptische Leibsklavin von Abrahams Frau Sarah. Die scheint kinderlos zu bleiben, und so soll Hagar an ihrer statt Abraham ein Kind gebären. Hagar wird schwanger. Es kommt darüber zum Konflikt zwischen den beiden Frauen. Die schwangere Sklavin entflieht der Situation. Flieht in eine Wüstenoase. Und weiß nicht mehr weiter.
Gott aber geht ihr nach. Sein Engel, sein Bote sieht sie, erkennt ihre Not, spricht Hagar an: Wo kommst du her und wohin willst du? fragt er s, und ermutigt sie schließlich in Saras Dienste zurückzukehren. Zuvor aber verheißt er Hagar eine hoffnungsvolle Zukunft, in der das Kind, das sie gebären soll,-zu einem eigenen großen Volk wird.

Wie gut, wenn uns in einer Not jemand nachgeht, mit uns spricht uns neuen Mut macht. „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Darin drückt sich Hagars Dank und ihre ganze Erleichterung aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich die junge, rechtlose Frau immer wieder an diesen Worten festhält. Wie sie sich sagt: „Ich bin jemand und nicht nur eine Sklavin. Und wenn es auch keinen Menschen kümmert: „Gott sieht mich“.
Später auch, als Sara nach der Geburt des eigenen Sohnes Hagar und ihr Kind aufs neue verstößt; später, als die beiden in der Wüste beinahe verdursten und ihr der Gottesengel die Augen für eine Wasserstelle öffnet, ist es in ihr: Du bist ein Gott, der mich sieht.

Wörtlich sagt Hagar: Du bist „El Roi“: Gott des Sehens. Du bist ein sehender Gott. Sie fasst in ihrem Bekenntnis zusammen, was die ganze Bibel durchzieht: „Gott sieht“, sieht seine Menschen an, sieht sie gnädig an.
Gott sieht das Elend seines Volkes in Ägypten, genauso wie den lebensmüden Elia. Und lässt sie nicht untergehen.
Maria wird singen: „Du hast die Niedrigkeit deiner Magd angesehen.“ Jesus sieht den Kranken am Teich Betesda liegen, sieht die blinden und verkrüppelten Menschen, sieht Arme, sieht Reiche, sieht Sünder, sieht Menschen, die sich im Recht fühlen, und die, die ins Unrecht gesetzt werden. Er sieht Gläubige und Ungläubige; Sieht sie alle an, sieht ihr Leid, ihre Not, ihre Irrungen, ihre Fesseln; Übersieht keinen von ihnen, spricht mit allen, hört ihnen zu, berührt sie, heilt sie, trinkt und isst mit ihnen, öffnet Augen und Herzen und neue Wege. Er zeigt auf seine Weise jedem von ihnen und zeigt es dir und mir: „Gott ist ein Gott, der dich sieht“.

Lied: NL +130 Du siehst mich   

2
Gottes Sehen und Hagars Geschick, haben noch eine wichtige Dimension, die ich nicht unerwähnt lassen will in Zeiten, in denen die Religionsverschiedenheiten Misstrauen und Feindschaft gegeneinander wachsen lassen und Terror und Krieg immer wieder Nahrung geben.
Gott sieht Hagar. Neigt sich ihr zu und eröffnet ihr eine Zukunft. Sie wird trotz aller Demütigung, der sie unter Sara ausgesetzt bleibt, selbst die Mutter eines großen Volkes. Ihr Sohn Ismael, so bezeugt ihre Geschichte wird der Stammvater der arabischen Völker.
Gott hat also nicht nur mit Abraham und Sarah und ihrem Sohn Isaak die Verheißung Israels im Blick, sondern schaut die gesamte Menschheit so an. Für sie stehen Hagar und Ismael. Der ganze Familie Gottes, deren Teil wir Christen und Christinnen sind, gilt Gottes Liebe und Zuneigung.
Jede Form von Menschenfeindlichkeit wie Hass, Gewalt, Krieg, Ausgrenzung oder Rassismus verbieten sich, weil Gott nicht ausgrenzt und mit Christus das Zeichen des Friedens gesetzt hat.
Gemeinsam teilen unsere drei Buchreligionen Hagars Bekenntnis: „Du bist ein Gott, der mich sieht“

3
Zum Schluss ein Blick auf das Jahreslosungsbild von Dorothee Krämer.   
Ein Mensch auf seinem Weg. Mann oder Frau. Jeder kann es sein. Das Lichtspiel der Farben dominiert dieses Bild.
Die Farben des Lebens von hell bis dunkel. Vom eintönigen Grau bis zum strahlenden Gelb.
Ein Lichtkegel fällt von oben nach unten auf den Weg. Gleich wird die dunkle Person hineintreten. Wird im Licht stehen.
Ich bin erinnert an eine Bühne, deren Vorhang sich gleich heben wird. Die Bühne des Lebens. Jedes Lebewesen hat ein Recht darauf, sie zu betreten, jedes hat das Recht, gesehen zu werden. Gleich wird die Person, die für mich einsam und verloren wirkt, kein grauer Schatten mehr sein. Sie wir gesehen. Sie wird erkennbar. Wir werden ihr Gesicht sehen. Ihre Augen. Ihren Mund. Ihr Lachen oder ihre Trauer. So will es Gott. Er lässt uns nicht im Dunkeln stehen. Er sieht uns. Sieht jeden von uns und will, dass wir einander ansehen, beachten. erkennen, würdigen.
Nur aus Sehen und Gesehen werden wird Begegnung.

 

4
Auf dem Weg durch dieses neue Jahr mögen Hagars Worte die deinen werden und dein Herz fest machen im Glauben daran, dass Gott dich sieht.“
Ich wünsche dir viele gute Begegnungen. Geh auch du auf andere zu. Spar nicht mit deinem Lächeln. Verberg aber auch nicht deine Traurigkeiten. Es ist zwar immer leichter Freude miteinander zu teilen als Trauer. Aber wo es Menschen gelingt Traurigkeit mitzuteilen und ihr zuzuhören, verlieren Trauer und Sorgen ihre Schwere und Begegnungen gewinnen an Tiefe.

Und wenn es einmal ganz einsam um dich und in dir ist, dann schau dir dieses Bild an. Vergewissere dich, dass du, wie die Frau, der Mann hier, nur wenige Schritte von dem Licht entfernt bist, das dein Leben wieder heller machen und dir neu die Zukunft öffnen wird: Licht aus dem Himmel, Licht von Gott, Licht aus dem Herzen eines anderen Menschen, den Gott dir über den Weg schickt. Schau nur genau hin: Dein Leben wird wieder bunter. Und sag es dir laut und ruhig ein paar Mal vor, was da für dich geschrieben steht: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“


Lied: Kv: Du bist ein Gott, der mich anschaut. Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott, der mich achtet. Du bist die Mutter, die liebt, du bist die Mutter, die liebt.

1. Dein Engel ruft mich da, wo ich bin: „Wo kommst du her und wo willst du hin?“
Geflohen aus Not in die Einsamkeit, durchkreuzt sein Wort meine Wüstenzeit. Kv
2. Zärtlicher Klang: „Du bist nicht allein!“ Hoffnung keimt auf und Leben wird sein.
„Gott hört“ – so beginnt meine Zuversicht. Die Sorge bleibt, doch bedroht mich nicht. Kv
3. Schauender Gott, wo findest du mich? Hörender Gott, wie höre ich dich?
Durch all meine Fragen gehst du mir nach und hältst behutsam die Sehnsucht wach. Kv

 

Leseandacht 25.12.23

Leseandacht, Weihnachtsfest 2022,
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. (Johannes 1,14)
Mit diesen Worten fasst das Johannesevangelium die ganze Weihnachtsbotschaft in einem Satz zusammen. Und will sagen: In Jesus Christus ist Gott für uns sichtbar und fassbar geworden.

EG 39,1-4, 6+7 Kommt und lasst uns Christus ehren

Singen ist angesagt, wenn Gott kommt. Resonanzkörper ist der gesamte Kosmos. Psalm 96, EG NR. 738

Gebet Herr unser Gott, es wärmt uns das Herz dich mit alten und neuen Liedern zu loben und die Weihnachtsbotschaft zum Klingen zu bringen. Mit uns freuen sich Menschen rund um den Erdball. Ja, die ganze Schöpfung jubelt über das Kind in der Krippe, über den Retter der Welt. Manche singen aber auch heute nur unter Tränen, klammern sich an die Hoffnung der Lieder gegen die eigene Hoffnungslosigkeit. Wir bitten dich, höre alles, was wir in die Töne unseres Gesangs legen. Tritt heilsam ein in unser Leben und komm, den Erdkreis zu richten mit deiner Gerechtigkeit und die Völker mit deiner Wahrheit.

NL+32 1.Ein Lied klingt durch die Welt, das von dem Heil erzählt, das aller Welt beschieden,
denn Gott schließt mit uns Frieden, denn Gott schließt mit uns Frieden.
2. Ein Lied klingt durch die Welt, das Herz und Hand beseelt, es singt in Himmelstönen
vom Retten und Versöhnen, vom Retten und Versöhnen.
3. Ein Lied klingt durch die Welt, das lobt nicht Macht noch Geld; es preist Jesus den Meister,
der scheiden wird die Geister, der scheiden wird die Geister.

An Weihnachten bekommt die Liebe Gottes einen Namen. Im 1.Johannesbrief lesen wir:
Lesung „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. (1.Joh 4,9 +14)

NL+32 .4. Ein Lied klingt durch die Welt, das unsre Nacht erhellt. Es kündet von dem Leben,
dem neuer Sinn gegeben, dem neuer Sinn gegeben.
5. Ein Lied klingt durch die Welt, es schallt durch Stadt und Feld: Gott soll verherrlicht werden i
m Himmel und auf Erden, im Himmel und auf Erden.
6. Ein Lied klingt durch die Welt, weil Gott noch zu uns hält. Es lehrt uns Jesus kennen,
den wir den Christus nennen, den wir den Christus nennen.
7. Ein Lied klingt durch die Welt, das von dem Heil erzählt, das aller Welt beschieden,
denn Gott schließt mit uns Frieden, denn Gott schließt mit uns Frieden.

Predigtgedanken Wir haben viel gesehen in diesem Jahr. Vieles, das wir nicht sehen wollten. Vieles, das wir nicht für möglich gehalten hätten. Und vieles, das anderes in den Schatten stellte. Die Hoffnung behalten, dass fiel nicht leicht in diesem Jahr. Das Gute blieb oft verborgen. Oder hatten wir keine Augen dafür?

Predigttext „Eure Herzen sollen gestärkt und verbunden werden in der Liebe und zu allem Reichtum an der Fülle der Einsicht, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist. In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit. …Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist“. (Kol. 2,2-10, gekürzt)

Diese Worte erinnern uns an die große Hoffnung, die in der Welt ist. Eine Hoffnung, die uns hilft, das Leben zu bestehen mit weniger Furcht und in Würde, und es nicht nur einfach irgendwie hinter uns zu bringen.

Die Hoffnung wurde in Betlehem geboren. Das Geheimnis Gottes wurde dort sichtbar, greifbar, berührbar. Mit dem Sohn Gottes, der sichtbar in der Krippe lag, der aufmerksam durch sein Land wanderte, der hörbar wurde mit dem, was er von Gott erzählte und spürbar mit dem, was er in seinem Namen tat, der leibhaftig starb und auferstand, auferstand auch in denen, die in ihm Gott erkannten, und der immer noch aufersteht in allen, die ihr Leben auf ihn gründen,- mit ihm kam auch eine neue Hoffnung in die Welt -sichtbar, spürbar, manchmal berührbar.

Von der großen Hoffnung erzählt auch ein Mensch; der im 20. Jahrhundert lebte. Es ist der Philosoph Ernst Bloch. Kaum einer konnte so schön von der Hoffnung erzählen. Bloch wurde 1885 in einer jüdischen Familie geboren; gestorben ist er 1977. Sein ganzes Leben war eine einzige große Bewegung. Von Ludwigshafen am Rhein über das Studium in München und Berlin zur Auswanderung in die USA während des deutschen Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann wurde Bloch Professor für Philosophie in Leipzig, kehrte aber nach dem Bau der Mauer 1961 von einer Westreise nicht mehr in die damalige DDR zurück. Die DDR war nicht die Staatsform, die er wollte, obwohl er viel über Sozialismus nachgedacht und geschrieben hatte. In der Bundesrepublik wurde er als Ruheständler noch Gastprofessor in Tübingen, wo er mit 92 Jahren starb.
Es bleibt von ihm sein Jahrhundertbuch mit dem Titel: „Das Prinzip Hoffnung“. Darin geht es um eigentlich alles. Um Sehnsucht nach Befreiung, um Tagträume in Märchen und Filmen, um unser Wünschen und Streben, um Utopia, das ferne Land – vielleicht den Himmel?
Es kommt noch etwas, schreibt Bloch; es kommt noch etwas, was noch nicht da war und wo noch keiner gewesen ist: eine Heimat; unvorstellbar. Sie ist das Prinzip, der Grundsatz allen Lebens. Und dann schreibt Bloch einen Satz, der so schön ist, dass er eigentlich in der Bibel stehen müsste. Er schreibt:
Werdet euch bewusst, „dass in der gegenwärtigen Welt eine andere Welt ebenso verhindert ist wie umgeht“.
Für mich gibt es kaum ein schöneres Bild, ein treffenderes Bild vom „Reich Gottes“, von dem Jesus so viel spricht, als wie es in diesen Worten entfaltet ist.

Es erscheint uns etwas, es leuchtet etwas in der Welt der Dunkelheiten und der Machtkämpfe, der Leiden und der Schrecken. Es scheint etwas – in allem. Wir müssen nur sehr genau hinsehen und überall das spüren und erkennen, was über das Wirkliche, das uns umgibt, was über den Tag hinausreicht. Die jetzige Zeit ist nicht alles.
Hinter der Zeit ist Herrlichkeit. Jetzt schon.

Wir müssen das nicht gleich verstehen. Staunen genügt. So wie die Hirten das Kind in der Krippe bestaunen und höchstens ahnen, was aus ihm noch wird.

Und wie die Hirten in der Nacht sehen wir die Herrlichkeit hinter der Wirklichkeit manchmal aufblitzen. Wir sehen sie, berühren sie, erkennen sie, dann, wenn wir mehr sehen wollen als nur uns selbst in allen möglichen Spiegeln.

Herrlich ist, wie neulich eine alte Frau atemlos zur Tür eines Busses eilt und sie aufhält–aber nicht für sich, sondern für zwei fremde Mädchen, die heranlaufen und mitwollen. Herrlich ist der Mann, der sich oft bückt und Müll sammelt, die Schöpfung und seine Heimat pflegt. Herrlich ist Selbsterkenntnis wie die von Sir Elton John, der vor einiger Zeit sagte: „Ich war erst dann kein Ekel mehr, als ich anfing, mich für andere und ihren Schmerz zu interessieren“. Herrlich sind die Menschen, die am Tag auch einmal oder zweimal selbstlos sein können und nicht fragen: Was habe ich davon? Und sich anderen zuwenden und ihnen ein wenig beistehen. Herrlich ist der junge Vorarbeiter, der zu seinem Chef sagt: Wenn Sie meine beiden Kollegen entlassen, werde ich auch kündigen; wollen Sie das riskieren? Und der Chef riskiert es – nicht.
Etwas von der zukünftigen Herrlichkeit ist in allen Menschen, die nicht nur auf ihr eigenes Fortkommen achten, sondern sich auch umschauen können und andere mitnehmen.

An Weihnachten ist eine riesige Hoffnung in die Welt gekommen. Der Philosoph Bloch nennt das: Eine andere Welt ist in dieser Welt. Jesus nennt es Reich Gottes. Wir übersetzen uns das und sagen: Wir dürfen mit vielen guten Gründen darauf hoffen, dass ein Mensch nicht eines anderen Menschen Wolf sein muss. Weil es nämlich immer auch anders geht: Ein Mensch kann eines anderen Menschen Freund sein. Das Reich Gottes, das Leuchten der anderen Welt in dieser Welt ist immer dieses leichte Neigen des Herzens hin zu anderen: Was brauchen andere? Was kann ich geben? Wie kommen wir gemeinsam einen oder zwei Schritte weiter?

Weihnachten hat Gott sein Geheimnis preisgegeben, hat Christus in die Welt gegeben. In ihm erkennen wir: Liebe ist möglich, Liebe zueinander, weil Jesus sie uns gezeigt hat. Er lässt uns erkennen: Nichts auf der Welt bringt uns Menschen weiter, als einander zu achten und beizustehen.

Manchmal scheint es anders zu sein, ich weiß. Dann scheint es, als müsse man sich nur kräftig durchboxen und gewinne so das Leben. Aber das ist ein ziemlich trügerischer Schein. In Wahrheit ist das Gegenteil richtig: Nur das aufeinander Achten macht uns menschlich und schenkt uns und anderen ein erfülltes Leben. Und weil wir das ganz tief im Herzen auch wissen, feiern wir so gerne Weihnachten mit allem Glanz und aller Fürsorge füreinander. Wir wissen nämlich: Am schönsten ist das Leben dann, wenn wir es im Frieden miteinander leben können.
Am wichtigsten im Leben ist nicht das Fortkommen, sondern das Geachtet-werden. Am wertvollsten ist nicht das Zurückhalten der eigenen Hand, sondern das einander Reichen unserer Hände.

Weihnachten ist das Leuchten einer anderen Welt mitten in dieser Welt. Diese andere Welt geht in unserer Welt um und schenkt uns eine große Hoffnung. Diese Hoffnung sind wir auch selbst. Wir sind die Hoffnung anderer Menschen; und andere sind unsere Hoffnung. Weil wir einander achten können und füreinander da sein können, können wir auch weniger Furcht haben in der Welt. Und wo weniger Furcht ist, kann mehr Liebe sein –
Es ist das Leuchten der anderen Welt in dieser Welt.

EG 35,1+2+4 Nun singet und seid froh

Gebet Vom Himmel hoch kommst du, Gott, in unsere Welt, suchst uns Menschen und teilst unsere Kleinheit. So machst Du uns groß. Wir bitten Dich: Komm zu den Frommen und zu den ganz und gar Weltlichen. Und zu den Was-kostet-die-Welt-Menschen. Komm zu den Weltflüchtlingen und zu den Ich-halt-es-nicht-mehr-aus-Menschen. Komm zu den Alleingelassenen und zu den Ich-denk-jetzt-nur-an-mich-Menschen. Komm zu den Diktatoren und zu den Wie-hätten-wir-es-ahnen-können-Menschen. Komm zu den Sterbenden und zu den Man-lebt-nur-einmal-Menschen. Komm zu uns und hilf, dass wir Dich allezeit suchen, Deine Liebe erkennen und sie weitergeben. Vom Himmel hoch kommst du, Gott. Jesus. Geistkraft. Komm und bleibe bei uns. Vater unser

NL 146 Gottes Segen behüte dich nun, Gottes Frieden in all deinem Tun.
Geh gesegnet, getröstet, gestärkt und geliebt in der Freude, die Gott dir heut gibt.

Segen Möge Gott neu in dir zur Welt kommen. Möge Gottes Gegenwart dein Leben hell machen.

Möge dir Kraft zuwachsen selbst mehr und mehr ein Mensch im Geiste Jesu zu werden.

So segne und behüte dich, Gott. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Leseandacht 3. Advent

Leseandacht 3 .Advent ,11.12.2022,
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

Mitten durch die Dunkelheiten dieser Welt führt unser Weg auf Weihnachten zu. Der Adventsweg hält eine Aufgabe für uns bereit. Daran erinnert uns das Wort für die 3. Adventswoche aus dem Prophetenbuch
Jesaja „Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe der Herr kommt gewaltig.“ (Jes 40.3,10)

Gebet: Herr, unser Gott, wir haben verlernt geduldig zu sein, warten zu können. Unsere Sehnsucht nach dir ist oft verschüttet unter vielen anderen Wünschen. Freude über dein Kommen ist vielen von uns fremd geworden. Wir bitten dich, wecke sie neu in uns. Hilf uns, dir den Weg in unsere Herzen zu bereiten durch die Lieder, dir wir singen, durch die Worte der Bibel durch unser christliches Miteinander.

EG: 10, 1-3 Mit Ernst o Menschenkinder

Einer, der Jesus Christus den Weg bereitet hat, der von ihm gesprochen und ihn angekündigt hat, war der Prophet und Täufer Johannes. Er war nicht der erste, der so sprach. Alttestamentlichen Im Propheten Jesaja hat er selbst einen Vorläufer, einen Wegbereiter für den kommenden Messias. Den Rufer in der Wüste nennt man ihn. Einen Rufer in den wüsten Zeiten unseres Lebens, damals als dem Volk im Exil in Babylon die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat ausging. Und heute, da in vielen Völkern den Menschen die Hoffnung auszugehen droht, die Hoffnung, in ein gutes Leben in Gerechtigkeit und Frieden zurückkehren zu dürfen.

Predigttext: »Tröstet, tröstet mein Volk!« spricht euer Gott. »Sprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu, sagt zu ihnen: Eure Leidenszeit ist zu Ende! Eure Schuld ist vergeben/ abgebüßt.3 Es ruft eine Stimme: »Bereitet dem Herrn einen Weg durch die Wüste, baut eine Straße für unseren Gott. Füllt die Täler auf, ebnet Berge und Hügel ein, alles Unebene macht eben. Der HERR wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit und alle Menschen werden es sehen. Der HERR selbst hat das gesagt.« Eine Stimme spricht: »Verkündige!« Ich fragte: »Was soll ich denn verkündigen?« „Alle Menschen sind doch wie Gras. Und wenn sie noch so gerecht und treu sind, es geht ihnen nicht anders als den Blumen auf dem Feld. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Wind des HERRN darüber weht. Ja, wie Gras ist das Volk!« Da sagte die Stimme : »Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unseres Gottes bleibt für immer in Kraft.« (Jesaja 40,1-8)

Mit diesen Worten des Propheten Jesaja beginnt eine Wende damals in der Geschichte Israels, etwa um das Jahr 550 vor Jesus. Aus den Gerichteten, die ihr babylonisches Exil als Strafe für ihren Abfall von Gott deuteten, werden Aufgerichtete, aus den in Babylon Gefangenen werden Freie, aus Hoffnungslosen werden Menschen, die wieder etwas erwarten können. Gut ein Jahrzehnt später wird sich diese Erwartung erfüllen: Ein Erlass des Perserkönigs Kyros ermöglicht ihnen die Rückkehr in die Heimat.

Am Anfang aber, vor dieser Wende steht der Trost. Gott schickt in das Leid seiner Menschen den Trost. Tröstet, tröstet mein Volk!« Das ist ein großer Auftrag. Wer wagt sich dran? Und gleichzeitig wissen wir doch wohl alle: Trost zu erfahren ist mit das Wertvollste im Leben.

Ich erzähle Ihnen an dieser Stelle eine kleine Trostgeschichte, die so schön ist wie alltäglich. Auf einem Weihnachtsmarkt steht ein recht großer und schwerer Junge und wartet. Ganz ruhig steht er da. Man sieht, dass er eine geistige Beeinträchtigung hat. Da kommt die, auf die er gewartet hat. Seine Oma. Sie hat ihm am Bratwurststand eine Wurst geholt. Sein Gesicht strahlt ihr voll Erwartung entgegen. Gleich geht es los, weiß er. Er steht da, um ihn herum trubelt das vorweihnachtliche Leben, und er macht den Mund auf, und die Oma füttert ihn. Mit viel Liebe und Zuneigung macht sie das. Sie ist viel kleiner als er und bei jedem Bissen, den der Junge zu sich nimmt, stellt sich die Oma auf die Zehenspitzen und hält ihm das kleine Gäbelchen hin. Man sieht, wie es dem Großen schmeckt. Vermutlich ist das das Schönste, was ihm gerade passieren kann. Ich habe diese Beobachtung nie vergessen. Geblieben ist mir ein Bild von überwältigendem Trost.
„Tröstet, tröstet mein Volk“. Das klingt wie ein großer, oft kaum lösbarer Auftrag. Aber die Oma auf dem Weihnachtsmarkt kann es doch. Weil Trost oft gar nicht so groß ist, wie das Wort klingt. Trost ist, was einem anderen Menschen, nur einem, erst einmal hilft, den Alltag zu bestehen und ihn (wieder) schön zu finden. Das müssen keine Worte sein, oft sind es nur alltägliche Handreichungen. Schon das Tun dessen, was gerade nötig ist für jemanden, gibt viel Trost.

Wir brauchen Trost, weil wir uns fürchten vor so vielem. Und in aller Furcht liegt ganz unten die eine Furcht vor dem Vergehen, dem Hinfällig werden, dem Vergänglich sein. „Alle Menschen sind doch wie Gras“, weiß der Prophet. Wir wissen es auch. Was kann da trösten? Es tröstet, wenn Tage des Lebens schön sind. Es werden nie all sein. Aber die schönen, die tragen uns. Es tröstet, wenn Menschen in der Nähe sind, die hilfreich sind, ohne viel zu reden oder gar zu jammern. Es tröstet uns ein Gefühl von Zuhausesein bei Menschen, die uns verstehen, ohne zu fragen. Es tröstet, wenn ein Mensch uns zeigt, wie Gott ist.
Auch wenn wir hinfällig werden oder die Sinne weniger hell sind, vergehen wir doch nicht einfach. Weil Gott nicht vergeht. Und Liebe nicht vergeht. „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unseres Gottes bleibt für immer in Kraft.“
Das Wort Gottes ist sein Versprechen uns nahe zu sein. Nahe wie die Oma Ihrem Enkel.
Gott selbst tröstet und sagt: Habt keine Angst; Ich bin bei euch. Auf euch wartet der Himmel.

Gott schickt in das Leid seiner Menschen Trost. „Tröstet, tröstet mein Volk! Sprecht den Leuten Mut zu“; stärkt ihre Hoffnung. Mit anderen Worten: Ermutigt sie, wieder an mich zu glauben. Jesaja nimmt diesen Advents-Auftrag an, erhebt seine Stimme und ruft „Bereitet für dem Herrn einen Weg durch die Wüste, baut eine Straße für unseren Gott!“ Solchen Prachtstraßen wurden damals tatsächlich gebaut. Mit ihnen ehrte man die herrschenden Könige. Mit dem Bild will Jesaja sagen: Gebt Gott die Ehre.
Füllt die Täler auf, ebnet Berge und Hügel ein, Kürzer: Räumt alle Hindernisse aus Weg! Räumt aus eurem Leben weg was euch daran hindert, euch an Gott zu halten. Oder anders gesagt: Bringt euer Leben in Ordnung.
Das ist die andere Seite des Advents. Um Trost geht es in dunkler Zeit. Aber auch darum, mein Leben zu durchleuchten. Ist alles in Ordnung darin? Ehre ich mit meinem Leben Got ?

Als Johannes der Täufer die Worte Jesajas wieder aufnahm, verband er sie mit einem Ruf zur Umkehr. Er forderte die Menschen auf, ihrem Leben eine Wende zum Guten zu geben. Und als die Leute ihn fragten, wie diese Umkehr das aussehen soll, da hat er sehr lebensnahe Hinweise gegeben:
„Wer zwei Hemden hat, gebe eins dem, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, handele genauso“.
Denen, die Geldgeschäfte tätigen, sagte er: „Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!“
Und den Soldaten rief er ins Gewissen: „Misshandelt niemanden, tut niemanden Unrecht. Und gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“ Werdet nicht korrupt.
Für mich sind das bis heute wichtige Maxime, oberste Lebensregeln, die zu einem Gott wohlgefälligen Leben führen. Es sind Lebensregeln, mit denen wir Gott den Weg in unser Leben bereiten.
Und wir versuchen uns an sie zu halten. Und genauso brechen wir sie immer wieder. Denn Abgeben und teilen fällt uns nicht leicht. Zu sehr sind wir den Überfluss gewohnt. In der Finanzwelt lebt man gut von schwarzen Märkten, Steueroasen und von ethisch verwerflichen Börsenspekulationen.
Gewalt und Misshandlung erleben die Menschen durch Soldaten- und Polizistenhand. In der Ukraine, im Iran und an den Außengrenzen der EU und manchmal selbst hier bei uns.

Alle, die Gott den Weg bereiten wollen durch das Tun seines Willens könnten daran verzweifeln, dass die Welt nicht besser werden will. Doch sie dürfen sich auch daran festhalten, dass Gott kommt, dass er wiederkommt „Der HERR wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit und alle Menschen werden es sehen“,
so verkündet es Jesaja im Auftrag Gottes.

An jedem Weihnachtsfest erinnern wir uns daran, dass er schon einmal in der Welt war. Dass Christus seinen Geist in diese Welt gegeben hat und dass wir ihn seinem Geist leben sollen, bis er wiederkommt. Die Dunkelheiten dieser Welt brauchen uns dabei nicht zu ängstigen. Und wir werden uns auch nicht in diesen Dunkelheiten verlieren, wenn wir uns auf Gottes Licht verlassen.
Es weist uns den Weg ihm entgegen. Es weist ihn den Lebenden und den Sterbenden.

EG 16, Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

Gebet: Herr, unser Gott, die Adventszeit verheißt uns, dass du mit uns gehst durch unsere Dunkelheiten, dass dein Stern unsere Wege licht macht. Die Schatten des Todes werden schwinden, auch das hast Du uns verheißen. Du Gott des Lebens, wir warten. Wir sehnen uns nach Licht und Leben. Komm und begleite die Trauer der Menschen, die einen Menschen verloren haben. Komm zu den Familien, die in Anspannung und Sorge leben. Komm zu den Alleingelassenen, die sich vor Weihnachten fürchten. Komm zu den Mächtigen und gib ihnen Liebe zur Gerechtigkeit. Komm zu den Einflussreichen und wecke ihre Liebe zum Frieden. Komm mit deinem Trost zu denen, die Krieg erleben   Komm zu Deiner Kirche und mache uns zu Hoffnungsboten. Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens, Du Gott des Lebens. Wir warten auf Dich.  Vater unser

♫ EG1,5 Komm, o mein Heiland, Jesus Christ

Segen GOTT segne dich und behüte dich. GOTT lasse sein Angesicht leuchten über und sei dir gnädig. GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Friede

 

Leseandacht 2. Advent

Leseandacht 2 .Advent 4.12.2022,
Pfr. Anette Prinz, Musikstücke: Susanne Weingart-Fink

Es gibt Gründe genug in dieser Zeit den Kopf hängen zu lassen. Der Wochenspruch für die 2. Adventswoche wischt das, was uns bedrückt, nicht einfach beiseite. aber er erinnert daran, dass Gott uns nahe kommt: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

♫ EG 7 O Heiland reiß die Himmel

Die Adventszeit hat begonnen. Die Zeit, die Licht in unsere Dunkelheiten bringen will, die Zeit des Wartens und der Erwartungen. Der erste Akt wurde bereits gespielt. Angekündigt am 1.Advent wurde das Kommen Gottes als Friedenskönig für Israel und für alle Völker im Messias Jesus. Gesungen wurde für ihn: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ und auch die Herzen. Heute folgt der zweite Wochenakt.

Was erwartet uns? Erhofftes, Unverhofftes? Dass der Himmel aufreißt? Und „Schloss und Riegel“ fallen.
Dass Frieden wird? Werden die dunklen Zeiten von einem neuen Schein ausgeleuchtet?
Keine Frage, die Sehnsucht ist da. Und in der Tat, der zweite Akt ist anders. Der zweite Advent bietet Unerwartetes. ich drücke es mal aus, mit dem Wort, dass zu Beginn der WM so viel Aufsehen erregt hat:
One love. Wo die Liebe ist, Caritas und Amor, Eros und Agape, da ist Gott. Ersehnte, erhoffte Liebe unter uns Menschen Und in dieser Liebe: Gottes Liebe zu uns Menschen.

Predigttext: Da ist die Stimme meines Liebsten! Ja! Er kommt! Springt über die Berge, läuft über die Hügel.
Einer Gazelle oder einem jungen Hirsch gleicht mein Geliebter. Und da steht er hinter unserer Mauer, sieht durch Fenster, blickt durch Gitter. Und er, mein Geliebter fängt an und spricht zu mir:
Steh auf meine Freundin und geh. Meine Schöne, geh, geh los! Denn sieh! Der Winter ist gewichen, der Regen ist vergangen. Blüten lassen sich sehen auf Erden. Die Zeit des Frühlings ist da. In unserem Land lässt sich der Taube Stimme hören. Die Feige hat Farbe bekommen und blühende Reben duften. Stehauf, meine Freundin und geh! Meine Schöne, geh, geh los! (Hohelied 2,8-13)

Ein ungewohnter Adventstext. Ungewohnt auch, dass er ankündigt: „Die Zeit des Frühlings ist da“. Das ist für uns im mitteleuropäischen Winter nicht so ganz nachvollziehbar. Und dennoch: Wer Anfang Dezember der alten Barbaratradition folgt und einen Kirsch- oder Forsythien-Zweig in die Vase stellt, darf an Weihnachten Frühlingsblüten erwarten.
Frühlingserwachen in der Natur, Frühlingserwachen an Weihnachten. Frühlingserwachen im Advent.
Frühlingserwachen, weil ersehntes Heil aufzublühen beginnt.
Frühlingserwachen. Das ist auch erotisches Begehren. Körperliches Verlangen So wie es in der biblischen Poesie des hohen Lieds spürbar wird. Da sprießt es. Es wird geturtelt. Es duftet. Früchte reifen.
Frühlingserwachen mit allen Sinnen.
Aber wo bleibt das Adventliche so wie wir es kennen und erwarten. Es fehlt. So scheint es. In welchem unbewachten Augenblick – so mag man sich fragen – ist diese Poesie in die Heilige Schrift hineingeschlüpft?

Und doch gibt es Anknüpfungen: Der Frühling ist Zeichen des Neuanfangs genauso wie der Advent am Anfang des Kirchenjahres steht und uns auf Neues vorbereiten will.
Und dann sind da noch das „Warten“ und das „Kommen“-Schlüsselworte auch für den Advent. Im Text ist es das Warten der Geliebten auf ihren Freund. Die Sehnsucht, dass er kommt. Und der Ruf des Freundes: Geh los! Komm du mir entgegen.

Sehnsucht auf beiden Seiten auch im Advent. Wir warten mit Sehnsucht auf das Kommen des Heilsbringers
Und unser Freund Gott wartet sehnsüchtig, dass wir uns aufmachen ihm entgegen.
Martin Luther hat in einer Adventspredigt das Hohelied leuchten lassen: „Hier ist er Gott verborgen Siehe, er steht hinter der Wand und schaut durchs Fenster. Das ist so viel, dass er unter den Leiden, die uns gleichsam wie eine Wand, ja eine Mauer von ihm trennen wollen, verborgen ist. Er sieht dennoch auf mich und lässt mich nicht. Denn er steht hinter der Mauer und ist bereit, in Gnaden zu helfen, und lässt sich durch die Fenster des Glaubens im Dunkel sehen.“

Auch in Paul Gerhardt Adventslied „Wie soll ich dich umfangen“ leuchtet die gegenseitige Sehnsucht auf; Und dieses liebende Begehren Gottes, das ihn zu denen treibt, die er liebt: „Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt …. so fest umfangen hast.“

Und: „Er kommt, er kommt mit Willen ,ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.“ (EG11,5+6)
Das sind Sehnsuchtsklänge, Worte eindeutigen Begehrens nach Erlösung, nach Befreiung. Worte der Sehnsucht, nach Amor und Caritas, nach One love, nach erhoffter Rettung. Nach Aufatmen und Entspannung.
Worte der Sehnsucht, nach Liebe unter den Menschen wie sie Gott gefällt in den Straßen und Nachbarschaften, in der Ukraine, in den Elendsvierteln, an Europas Außengrenzen.
Worte der Sehnsucht, dass endlich die dunklen Schatten vom Licht verzehrt sind, dass Schwere leicht geworden ist, dass die Zeit angekommen ist, in der die Träume sich erfüllen, Mauern überwunden, Gitter entfernt, Fenster offen, Gräben zugeschüttet und Stacheldrähte entfernt sind;
Dass Not, Flucht, Krieg, Gewalt und Armut überwunden sein werden. Dass es vorbei damit ist, dass Menschen entzweit, getrennt, verfeindet sind und hassen, schießen, gieren und ausbeuten.
Es ist die Sehnsucht des Volkes, das im Finstern wandelt,
es ist die Sehnsucht der Völker, die in Dürre verdursten oder durch Überflutungen waten.
Es ist unsere Sehnsucht, die wir genug haben von Krisen.
Und es ist die Sehnsucht einer eingewanderten mittelosen Ährenleserin -nennen wir sie Ruth,
nach Caritas et Amor, nach täglich Brot und Existenzsicherung, nach menschlicher, körperlicher Nähe
nach einem Retter, nach einem besseren Leben.

Es ist die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Liebe zum Leben. Das treibt uns Menschen zueinander, in eine Umarmung und zu noch mehr.
Da kommt er ja, mein Liebster“, sagt sie! „Steh auf meine Freundin. Geh mir entgegen, ruft er.

Mauer und Gitter wollen überwunden und weggenommen werden. Im aufeinander zugehen, im Annähern und Näherkommen, von beiden Seiten, auf Augenhöhe.
Im sich Begegnen, da geschieht es, da ereignet sich Gott, da kommt Gott nahe, da kommt Gott auf uns zu,
da ist Gott da. Sehen wir hin, auf Kleinigkeiten. Schauen wir hin, auf Unscheinbares. Seien wir gespannt, auf Überraschendes.
Er springt über die Berge, läuft über die Hügel“. Gott ereignet sich. Gott kommt da wo Liebe ist, und wo die Liebe Mensch ist, wo Liebevolles passiert. Da und dort. Weit weg und nah bei uns.
Müssen wir vielleicht erst wieder auf den Geschmack seiner Liebe kommen und riechen und hören und uns erfreuen. „Blumen sprießen aus dem Boden, Die Stimmen der Tauben sind zu hören Der Feigenbaum lässt seine Früchte reifen. Die Reben blühen und duften.
Gott geschieht, Liebe ereignet sich, Caritas et Amor.
Seltenst in einem großen Ereignis, aber da und dort. In der Natur. In der Nacht, in einer Scheune. Auf der Suche nach einer neuen Heimat und nach Sicherheit.  Wenn Fußballspieler nicht singen und andere die Hand vor den Mund halten.

Gott geschieht. Liebe ist da: in uns, als von ihm geliebte, angenommene bejahte Wesen. Indem wir selbst andere annehmen, lieben, Frieden suchen und stiften, Gerechtigkeit üben.
So erwacht der Frühling – im Dezember. So wirds Advent – der heute in so ganz anderem Textgewand daherkommt:
„Da ist die Stimme meines Liebsten! Er kommt! Springt über die Berge, läuft über die Hügel. Da steht er schon hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster“
In einen solchen Advent wollen wir uns verlieben. Gerade jetzt, in diesem Jahr.

♫ EG 11, 1+ 5+6 Wie soll ich dich empfangen

Gebet: Herr, unser, du stehst vor der Tür. Du rufst uns mit liebendem Herzen. Du rufst uns zu einem Leben mit dir Deine Liebe kommt zur Welt, darauf wollen wir unsere Hoffnung setzen. Sie will unsere Liebe stärken zu deiner Schöpfung, zu unseren Mitmenschen zu einem Leben in Frieden. Mach sie stark, diese Liebe in uns. Wir bitten dich für alle Menschen die Mauern um sich haben: Gefängnismauern und Grenzmauern. Mauern der Traurigkeit, der Einsamkeit, der Verzweiflung. Lass sie die Stimme deines Trostes hören. Wir bitten dich für alle die in ihren Ländern aufstehen gegen Willkür, Korruption, Intoleranz, Diskriminierung, mehr Demokratie. Und die dabei ihr Leben riskieren. Lass sie die Stimme deiner Ermutigung hören.
Komm zu allen, die erschöpft sind und abgestumpft, die nicht mehr an deine Liebe glauben können. Nimm die Enttäuschungen aus ihren Herzen.

♫ EG1,5 Komm, o mein Heiland, Jesus Christ

Segen GOTT segne dich und behüte dich. GOTT lasse sein Angesicht leuchten über
und sei dir gnädig. GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Friede

Leseandacht 20.11.

Leseandacht zum Ewigkeitssonntag/ Totensonntag 2022,

Pfarrerin Anette Prinz

 

Das Kirchenjahr geht zu Ende. Wir blicken zurück auf das, was es uns an Gutem wie an Schwerem gebracht hat. Zugleich erinnern wir uns an die Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten. Über diesem Sonntag, an dem wir der Verstorbenen dieses Kirchenjahres gedenken wollen, steht das Psalmwort: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. (Psalm 90)

 

NL 134 Erinnere uns an den Anfang

Gebet Ewiger Gott, Herr der Zeiten, aus deiner Hand empfangen wir die Zeit unseres Lebens, Chancen und Grenzen für unser Tun. Die Grenzen sind uns an einem Tag wie heute schmerzlich bewusst. Nichts können wir grenzenlos genießen. Steh uns bei, wenn wir loslassen müssen: von unserer Jugend, von unserer Gesundheit, von Menschen, die fest in unser Leben gehören. Versöhne uns mit dieser Begrenztheit. Lass uns klug und weise unser Tage miteinander leben. Und birg uns am Ende in deinem grenzenlosen Erbarmen.

 

Lesung Gott schafft Zukunft, wo wir nur das Ende sehen. Paulus schreibt:

„Es könnte jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?

Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib … So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.(1Kor.15,35 ff)

 

EG 526, 1+2+7 Jesu meine Zuversicht

 

Predigtgedanken Frühstück ist schlimm. Da fühlt er, dass er allein ist. Herrmann ist 72 und Witwer. Ganz plötzlich kam das vor drei Jahren. Fünf Tage später die Beerdigung. Und dann dieses Loch. Daran gewöhnt man sich nicht. Sicher, es gibt Stunden, in denen er mal vergisst. Wenn er einkauft oder seine Freunde trifft. Dann reden sie und sind zufrieden. Oder tun jedenfalls so. Abends, beim Fernsehen, merkt Herrmann es auch nicht so. Der Bildschirm lenkt ab von der Welt. Aber Frühstück. Das ist schlimm. Da sieht er nicht nur, dass er alleine ist, da fühlt er es auch. Kurz nach dem Aufstehen war immer die Freude aufs Frühstück. Zu zweit. Die Stunde war oft schon wie das Schönste vom Tag. Alles war noch so frisch. Ungezwungen. Das ist vorbei. Jetzt redet er mit sich. Tut ein bisschen, als sei sie neben ihm. Viel redet er nicht. Nur so viel, dass er besser in den Tag kommt: Dass er sich gleich anzieht. Was er heute so vorhat. Wen er im Hausflur getroffen hat und wer ihn noch kennt. Dann Abspülen der Tasse, des Tellers. Mal mit, mal ohne Tränen. Dass er zu ihr will, das murmelt er nicht. Das sagt er sich laut. Beinahe trotzig. „Dass ich sie wiedersehe“, sagt er, „das erwarte ich von dir, Gott“.

 

Viele unter Ihnen haben in diesem Kirchenjahr oder schon früher von einem Menschen Abschied nehmen müssen, der Ihnen persönlich nahestand. Vielleicht kam der Tod plötzlich und unerwartet, vielleicht aber auch nach einer langen Krankheit. Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod.

Was für den Tod gilt, gilt auch für die Trauer. Jeder Mensch trauert anders und muss für sich einen Weg finden, mit seinem Kummer zurechtzukommen. Die Dichterin Mascha Kaléko hat die Last der Trauer einmal so beschrieben: „Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang. Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“

 

Wir müssen mit dem Verlust, mit unserer Trauer leben. Müssen damit fertigwerden, dass ein Mensch, der uns viel bedeutet hat, fortgegangen ist und auch nicht mehr wiederkommt. Dass da eine Lücke entstanden ist, die sich nicht mehr schließen kann und schließen wird. „Erst der Verlust belehrt uns über den wahren Wert der Dinge.“, so hat der Philosoph Arthur Schopenhauer geschrieben. Und ich ergänze: Erst der Verlust belehrt uns über den wahren Wert eines Menschen.

 

Was kann uns helfen, den Verlust zu ertragen? Was kann uns stärken, trösten und Mut machen?

Vielleicht die Nähe von Verwandten oder Freunden, die uns in unserer Trauer nicht allein lassen.

Vielleicht auch der biblische Text, den wir heute bedenken sollen. Er steht im Johannesevangelium. Dort sagt Jesus:

 

„Alle, die mein Vater mir anvertraut, werden zu mir kommen. Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Denn dazu bin ich vom Himmel herabgekommen: Nicht um zu tun, was ich selbst will, sondern was der will, der mich beauftragt hat. Und das ist der Wille dessen, der mich beauftragt: Ich soll keinen von denen verlieren, die er mir anvertraut hat. Vielmehr soll ich sie alle am letzten Tag vom Tod erwecken. Denn das ist der Wille meines Vaters: Alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, werden das ewige Leben erhalten.“ (Joh. 6,37-40 Basis Bibel)

 

Das sagt Jesus in eine Welt hinein, in der einiges verloren geht. Manchmal das Liebste Das spricht er in ein Leben hinein, in dem so viel zwischen unseren Händen zerrinnt. Und trotzdem: Niemand soll sich verloren vorkommen.

 

„Niemanden verlieren“-das ist sein Auftrag, der sich schon durch das ganze Kalenderjahr zieht. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“. Es ist das Kennzeichen Jesu: Menschen bewegen, Menschen finden, Menschen an Gott erinnern und möglichst zu ihm führen - damit sie nicht verloren gehen. Dahinter steht sein Wunsch und Auftrag: Wir Menschen mögen Gott anerkennen als die größere Macht im Leben. Weil mein Leben dann einen Halt hat, der größer ist als jeder andere Halt. Und weil unser Leben dann eine Aussicht hat, die alle Aussicht im Leben übersteigt: Gott wird mich aufnehmen in sein Paradies, wie er Jesus zu sich genommen hat –und den gläubigen Verbrecher neben Jesus ebenso.

 

Niemanden verlieren – alle an das ewige Leben erinnern – ist das Kennzeichen des Totensonntags. Wir erinnern ja nicht allein „nach hinten“ an die Verstorbenen, sondern „nach vorne“. Wir befehlen sie Gott an. Wir wissen sie gut aufgehoben, wir legen auch alle unsere Tränen und Trauer in Gottes große Hände. Bitte, Gott, sagen wir, nimm dich derer an, die uns nun genommen sind; achte du auf sie. Sei ihnen gnädig und schenke ihnen, was du versprochen hast: ein himmlisches Leben in reiner Freude.

 

Jesus war ein Freudenbote. Aber die Freude, die er brachte, wollte er nicht auf das irdische Leben beschränkt wissen.

Das ist der Wille meines Vaters: alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, werden das ewige Leben erhalten. Jesus verspricht den Seinen die Auferweckung aus dem Tod und das ewige Leben.

Und wir sind gefragt, ob wir dieser Zusage glauben oder nicht.

Die Mehrheit in unserem Land glaubt nicht daran. Demoskopische Erhebungen zum Glauben der Deutschen zeigen das. Demnach glauben aktuell gerade einmal knapp 40 Prozent überhaupt an ein Leben nach dem Tod, Tendenz fallend. Die meisten sind der Meinung, dass mit dem Tod alles aus ist und danach nichts mehr kommt.

 

Auch beim Lesen von Todesanzeigen fällt mir auf, dass von einer Hoffnung auf die Auferstehung nur noch ganz selten die Rede ist. Eher liest man dort Sätze wie den von Immanuel Kant: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ Da sind es die Erinnerungen, in denen der verstorbene Mensch lebendig und gegenwärtig bleibt.

 

Vollkommen anders dachte da noch der geniale Künstler Michelangelo. Er, der zur Zeit der Hochrenaissance Weltruhm erlangte, glaubte fest an die Auferstehung. Es wird erzählt, dass er im vorgerückten Alter von 86 Jahren einmal mit einer Gräfin ins Gespräch kam und zu ihr sagte: „Ich wünsche mir sehnlichst, bald von Gott heimgerufen zu werden.“ Die Gräfin reagierte erschrocken: „Ach“, fragte sie behutsam, „Sie sind doch nicht etwa lebensmüde?“ „Keineswegs“, meinte Michelangelo, „ich bin lebenshungrig.“

 

So kann nur jemand sprechen, dessen Leben im Glauben gründet. Im Glauben daran, dass der Tod eben nicht der Schlusspunkt ist, sondern eher ein Doppelpunkt, weil er eine neue und unbekannte Zukunft eröffnet.

Michelangelo war davon überzeugt, im Tod nicht verloren zu gehen, sondern neues Leben zu finden im Licht und in der Liebe Gottes. Darauf war er gespannt, darauf freute er sich. Er war hungrig auf das Leben bei Gott.

 

Manche Menschen sagen mir: „Ich kann mir das alles nicht vorstellen.“ Sie haben recht; wir können uns die Auferstehung und das ewige Leben nicht vorstellen. Wir können das ebenso wenig, wie ein neugeborenes Kind sich die Welt vorstellen kann, in die es hineintritt. Wir sehen bestenfalls – schreibt Paulus einmal -im Spiegel ein dunkles Bild. In diesem dunklen Bild liegt ein wesentlicher Grund für den Zweifel und die Skepsis vieler Menschen.

 

Skepsis und Misstrauen haben die Auferstehungsbotschaft von Anfang an begleitet. Dass weiß schon Paulus. Bei manchen Hörerinnen und Hörern erntete er mit seiner Botschaft Ablehnung und Spott. Andere hingegen zeigten sich durchaus interessiert und wünschten von ihm Genaueres über die Auferstehung der Toten zu erfahren.

 

 Die Frage ist so alt wie die Botschaft selbst. Wie steht es mit unserem Glauben an die Verheißung Jesu, an die Auferstehung und das ewige Leben? Wie jeder seinen eigenen Tod stirbt und jede ihre eigene Trauer lebt, so wird auch jeder von uns seine eigene Antwort glauben, denken, formulieren. Sicher aber ist, dass die Antwort, die wir finden, für unser Leben entscheidend ist. Daran entscheidet sich, wie wir mit dem Verlust geliebter Menschen umgehen. Daran entscheidet sich auch, was das Bewusstsein unserer eigenen Sterblichkeit mit uns macht.

 

Wir alle gehen auf das Geheimnis des Todes zu und sind nur vorübergehend Gäste auf dieser schönen Erde. Irgendwann werden wir alles zurücklassen, was uns lieb und teuer gewesen ist. Ich wünsche uns das Vertrauen darauf, dass unsere Verstorbenen Heimat gefunden haben bei Gott. Und ich wünsche uns, dass wir selbst einmal getrost sterben können in der Gewissheit, dass bei Gott nichts und niemand verloren geht in Zeit und Ewigkeit.

Denn Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Der Lebenden hier und dort.

 

NL 22 Dir Gott will ich vertrauen

 

Gebet: Gott, wir vertrauen dir unsere Verstorbenen an. Halt sie fest in deinen Armen. Schenk ihnen dein Erbarmen in dem bergenden Reich deiner Ruhe. Schenk ihnen jenseits unserer Stunden Heilung aller Wunden in der tröstenden Kraft deiner Ruhe. Nimm sie auf in deinen Frieden. Schenk ihnen neues Leben in der Herrlichkeit deiner Ruhe. Gott, wir vertrauen dir diese Menschen an. Und wir glauben deiner Treue, hoffen auf das neue Leben auf unserem Weg in die Ruhe bei dir.
Vater unser

Segen GOTT segne dich und behüte dich; erlasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Er schaue liebend zu dir hin und gebe dir Frieden.

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